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Lindner fordert Überstunden: Wie wäre es mit smarter statt harter Arbeit?

Christian Lindner fordert Wachstumsimpulse, Gründungen und Überstunden, um den Wohlstand zu sichern. Unser Autor meint: Zuallererst einmal braucht es technologischen Fortschritt und smartes statt hartes Arbeiten. Ein Kommentar.

2 Min. Lesezeit
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FDP-Politiker Christian Lindner. (Foto: dpa)

FDP-Politiker Christian Lindner ist immer für eine Kontroverse gut. Der Mann, der sich noch vor einigen Jahren vor der Regierungsverantwortung drückte, fordert jetzt mehr Engagement von den Bürgerinnen und Bürgern, um Deutschland zu unterstützen. Auf Twitter fordert der Finanzminister tatsächlich mehr Überstunden von den Menschen zur Wohlstandssicherung. Sowas fordert nur jemand, der sich den aktuellen Zahlen dazu nicht bewusst ist. Im Jahr 2021 leisteten die Arbeitnehmenden in Deutschland rund 818 Millionen bezahlte und circa 893 Millionen unbezahlte Überstunden. Das allein ist schon heftig – jetzt noch mehr zu fordern, grenzt schon fast an kompletter Realitätsferne.

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Es ist wie es ist: Der Wohlstand, den wir haben, basiert bereits gehörig auf der Mehrarbeit der Bürgerinnen und Bürger. Wo stände die deutschen Wirtschaftskraft ohne diese Überstunden der Beschäftigten – ob bezahlt oder unbezahlt. Der Preis, den wir dafür zahlen, spiegelt sich in der Gesundheitslage der Menschen wider: Rund 13 Millionen Arbeitnehmende sind laut den Krankenkassen von Erschöpfungsdepressionen betroffen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelt unlängst mit der „ausgebrannten Republik“. Auch und vor allem die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass immer mehr Menschen ihren Job aufgegeben oder immerhin den Gedanken dazu gefasst haben. Stichwort: The Great Resignation!

Wenn wir doch eines während der Covid-Krise gelernt haben, dann dass sie vielerorts mit totaler Überarbeitung und totaler Erschöpfung vieler Berufsgruppen einherging. Es ist zwar richtig, dass die Anzahl der Überstunden in den letzten zehn Jahre gefallen ist, allerdings zuletzt auch wieder deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Pflegekräfte und Supermarktarbeitende haben sich kaputtgeschuftet, aber auch andere Berufsgruppen haben ihren Teil geleistet, indem sie ins Homeoffice gewandert sind und dort ganz nebenbei noch ihre Kinder betreut haben – parallel zum Vollzeitjob. Wie viel sollen diese Menschen eigentlich noch leisten? Ist es nicht vielleicht an der Zeit, endlich mal smart statt hart zu arbeiten?

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Smarte Jobwelt: Politik lässt Potenzial ungenutzt

Die Politik lässt seit Jahren einiges an Potenzial ungenutzt, um die Wirtschaft und Gesellschaft zu modernisieren. Angefangen bei der Bahninfrastruktur, die unzuverlässig und teuer für die Kundinnen und Kunden ist und sie somit nach wie vor in Autos zwängt, wo sie sich jeden Tag in Staus begeben, um ins Büro zu kommen; bis hin zu einer miserablen Netzinfrastruktur, deren Verbesserung es zumindest einigen Menschen ermöglichen könnte, sich nicht jeden Tag vom Land in die Stadt zu schieben, um ihren Job zu erledigen. Was allein an Arbeitsweg eingespart werden könnte und somit kognitiver Raum für gesunde und produktive Arbeit geschaffen würde, ist kaum zu ermessen. Die Energie fließt in den Job und bleibt nicht auf der Strecke.

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Davon abgesehen sollte jedoch nicht mehr, sondern weniger Arbeit das Ziel sein – für eine leistungsstarke Wirtschaft und vor allem eine gesündere Gesellschaft braucht es Investitionen. Diese Maxime von „höher, schneller, weiter“ muss – wenn überhaupt – mit technologischem Fortschritt einhergehen und nicht mit der Ausbeutung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Ein tolles Beispiel hat Island gegeben: Durch Modernisierung der Strukturen und Anpassung der Arbeitsabläufe konnte in einem vier Jahre andauernden Experiment die Wochenarbeitszeit von fünf auf vier Tage reduziert werden bei gleichbleibender und teilweise sogar höherer Produktivität. Die 4-Tage-Woche ist dort jetzt am Start! Das ist die Lösung, Herr Lindner. Da müssen wir hin!

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Marlis Hollm

Als Berufsbetreuerin setze ich mich u.a. professionell für die Gesundheit anderer ein.
Um aber mit meiner freiberuflichen Tätigkeit einen Durchschnittslohn zu erziehlen, muss ich mich um so viele Betreute kümmern, dass dies zur Belastung wird und meiner eigenen Gesundheit schadet.
Verstärkt wird dieser Effekt durch keinerlei Wertschätzung, Lohn- bzw. Anhebung der Vergütung, vielleicht mal einen Inflationsausgleich oder einer Vereinfachung unserer Arbeitsabläufe. Nein, im Gegenteil, durch neue Verwaltungsstrukturen wird unsere Arbeit immer umpfänglicher.
Und da reden Herr Lindner und andere von NOCH mehr Arbeit.
Die wollen offensichtlich, dass wir auf dem Zahnfleich kriechen, unsere Gesundheit ist denen scheißegal.
Danke ihr Arschlöcher

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Paulchen

Hallo @Marlies Holm,

ich bin auch Freiberufler, habe ein Planungsbüro.
Teilweise geht es morgens 5:30Uhr am Rechner los. Dann Termine, Baustellenbesuche und das tägliche Telefonieren und Durchsetzen. Ab Freitag… so mittags…wird es dann ganz ruhig.

Am Wochenende kümmer ich mich um meine Immobilien. Da muß ich selber immer wieder mit ran, auch mal Maurer- und Malerarbeiten, Türen einbauen, einfache Elektrikarbeiten. Dann noch die Kommunikation mit den Mietern. Die sind ja auch nicht immer da.

Das war früher auch schon immer so. Wer auf dem Dorf ein Haus gebaut hat, der hat es oft in den Monaten April bis Oktober mit Freunden und Bekannten am Wochenende hochgezogen. Anders war das nicht zu leisten.

Wenn Sie meinen, ihre „Arbeit“ ist sehr anstrengend, dann können sie gerne mal bei mir mitarbeiten. Es wird aber auch mal draussen bei Regenwetter gearbeitet. Nein, das ist nicht schön. Manchmal geht es nicht anders. Rechne ich meine Fahrzeiten mit, so bin ich in der letzten Woche so auf knapp 70 Arbeitsstunden gekommen.

Es klappt leider nicht anders. Also .. in der Realwirtschaft. Natürlich nicht als Medienberater, Berufsbetreuer, Versicherungsvertreter etc.

Antworten
Rainer M.

Ach Paulchen! 70 Stunden? Und am Ende reicht die Kohle hinten und vorne tatsächlich nur ganz knapp? Rieche ich da ein kleines bisschen Schwarzarbeit? – Naja, wie auch immer: so ist das wohl normal in der Realwirtschaft.

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