Interview

„Nicht einfach blind einem Trend folgen“ – Holokratie bei Mercedes-Benz

(Foto: Mercedes-Benz)

Träge deutsche Konzerne? Mercedes-Benz.io nutzt holokratische Organisation bereits seit vier Jahren. Klare Rollen, Verantwortung und Vertrauen in die Mitarbeiten ermöglichen es, digital und ortsunabhängig zusammenzuarbeiten.

Liest man die Forbes-Studie über besonders attraktive Arbeitgeber für Menschen, die gerne ortsunabhängig arbeiten, dann sucht man lange nach deutschen Unternehmen.

Nix mehr verpassen: Die t3n Newsletter zu deinen Lieblingsthemen! Jetzt anmelden

Sind wir in Deutschland zu träge? Und was ist mit den großen Namen? Alles schwer zu manövrierende Schlachtschiffe? Mit der Tochtergesellschaft Mercedes-Benz.io will Mercedes-Benz neue Wege in Richtung globale virtuelle Zusammenarbeit beschreiten. An drei miteinander vernetzten Standorten (Lissabon, Berlin und Stuttgart) soll Arbeit anders gedacht, organisiert und gelebt werden. Denn die Mission von Mercedes-Benz.io ist zukunftsweisend: Hier soll der Weg hin zu einem datengetriebenen und digitalen Unternehmen geebnet werden. Wie das funktioniert? Nikolaus Kober, Head of Digital UX, steht Rede und Antwort.

(Foto: privat)

t3n: Warum organisiert ihr die Arbeit bei Mercedes-Benz.io anders als in herkömmlichen Strukturen?
Nikolaus Kober: Das hat zwei Gründe: Zum einen haben wir uns gefragt, welche Persönlichkeiten wir für die Erfüllung unserer Mission brauchen, und zum anderen, welche Form von Arbeits- und Unternehmensstruktur diese Menschen dazu benötigen. Dafür haben wir nachgeforscht, Werte ermittelt und uns darauf basierend auf die Suche nach einer passenden Antwort gemacht. Fündig sind wir bei der Holokratie geworden, die aus der amerikanischen Software-Entwicklung kommt und auf den Prinzipien der Soziokratie aufbaut.

Attraktiver für die besten Talente zu werden, ist aber nicht der einzige Vorteil. In einer responsiven Organisation kommen wir nicht nur schneller zu Ergebnissen, sondern können auch schneller auf Ereignisse innerhalb und außerhalb unserer Unternehmen reagieren. Durch die Vergabe von Rollen und klaren Verantwortlichkeiten an Mitarbeiter und die Befähigung in diesen Rollen gibt es keine klassischen Hierarchien. Jeder weiß genau was und wie er entscheiden kann. „Da muss ich mal schauen, wer dafür verantwortlich sein könnte“ kennen wir nicht und „die Kompetenz, vielleicht zu sagen“ gibt es bei uns nicht.

t3n: Wie kann man sich so eine Struktur genauer vorstellen?
Bei einer holokratischen Organisation gibt es keine klassischen Hierarchien in Linien. Wir sind in Circles, also Kreisen, organisiert, die alle jeweils einen klaren Purpose und darauf basierend einen Aufgaben- und Funktionsbereich umfassen. Je nach Zielsetzung des Kreises werden dafür notwendige Rollen kreiert, die dann von Mitarbeitern besetzt werden. Das kennt man beispielsweise auch aus Schwarmorganisationen oder Scrum. Jeder arbeitet hochgradig selbstorganisiert in seiner Rolle. Die Zuteilung der Rollen und die Strategie innerhalb des Circles erfolgt durch den jeweiligen Lead-Link. Benötigte Kernrollen eines Kreises werden demokratisch durch seine Mitglieder festgelegt.

t3n: Selbstorganisiert zu arbeiten, erfordert viel Disziplin und ein besonderes Skillset. Trainiert ihr das?
Das tun und müssen wir sicher noch intensiver. Wir achten jedoch bereits beim Einstellungsprozess darauf, dass die potenziellen Talente die passenden Fähigkeiten mitbringen. Nicht selten haben unsere Mitarbeiter eine Vergangenheit als Freelancer. Gerade junge Mitarbeiter bringen bereits viel Wissen, aber vor allem sehr viel Neugierde mit. Als Neueinsteiger sind sie noch offen für andere und neue Arbeitsweisen. Wir versuchen, ihnen Vertrauen zu geben und sie ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Eigenverantwortung heißt bei uns, die Freiheit und Möglichkeit zu haben, eigenverantwortlich zu gewinnen, aber auch Fehler zu machen. Fehler machen ist bei uns nicht nur willkommen, sondern auch unbedingt notwendig. Wer keine Fehler machen darf, kann auch nicht dazu lernen. Genau auf diese Weise erleben unsere Mitarbeiter eine steile Lernkurve und haben ein Arbeitsumfeld, das ein Höchstmaß an Austausch und Innovation bietet.

t3n: Was sind eure Erfahrungen mit Remote Work?
Ortsunabhängiges, digitales Arbeiten ist ein wichtiger Bestandteil des Unternehmens. Es erlaubt uns, mit unterschiedlichen Charakteren aus unterschiedlichen Kulturen und Backgrounds aus aller Welt zusammenzuarbeiten und so von einem diversen und bunten Pool an Fähigkeiten zu profitieren. Ein Thema, das für alle Unternehmen zunehmend wichtiger wird. Die Gründe für die hohe Nachfrage sind vielschichtig. Remote Work kann erheblich dazu beitragen Beruf und Familie zu vereinen, beispielsweise wenn beide Eltern berufstätig sind. Ich arbeite zum Beispiel in dieser Sekunde zu Hause, meine Frau, die bei Daimler arbeitet, ebenfalls. So schaffen wir es heute, gemeinsam zum Elternabend im Kindergarten zu gehen

Mein persönlicher Eindruck ist , dass bei Remote Work immer etwas verloren geht, gerade, wenn es um emotionale Themen geht. Direkter menschlicher Austausch ist wichtig und für mich unersetzlich. Natürlich immer abhängig von der konkreten Aufgabe. Bei meinem Job arbeite ich viel auf sehr persönlicher Ebene mit Menschen, da wäre vollständig remote nicht möglich.

Für andere Aufgaben, beispielsweise wenn einzelne Kollegen an einem Ort real zusammenarbeiten, kann dieses Team sehr gut remote in ein Projekt eingebunden werden. Reine Einzelexpertise fragen wir dagegen eher selten ausschließlich remote ab.

t3n: Im Prinzip entwickelt ihr ja Software. Ist euer Arbeitsmodell auch für Bereiche außerhalb der Software-Entwicklung interessant?

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

Schreib den ersten Kommentar!

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung