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Geschäfte gegen Corona: Wer nicht geliefert sein will, liefert

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Buchhandlungen bringen die Lektüre vorbei, Hotels bieten ihre Zimmer als Homeoffice an, Boutiquen beraten Kunden online bei der Kleiderwahl: Corona führt zu einer Welle der Kreativität in Handel und Gastronomie.

Die Coronakrise bedeutet für die Heidelberger Buchhändlerin Julia Sunderer Stress pur: Sie versucht, mit einem Lieferdienst ihren Laden für Kinder- und Jugendliteratur über den Ausnahmezustand zur retten. Normalerweise kommen die Kunden gerne selbst zur Buchhandlung Murkelei in die Heidelberger Altstadt. Nach der angeordneten Schließung der allermeisten Geschäfte macht sich Sunderer nun auf den Weg zu ihnen. „Der Lieferservice war die einzige Option, ich bin froh, dass wir das anbieten dürfen“, sagt sie.

So wie die Buchhändlerin machen es mittlerweile viele Betriebe, die schließen mussten. Sie bieten Online-Service, Lieferung und auch „kontaktlose Abholung im Ladengeschäft“, sie reparieren, helfen aus, führen vor und beraten. Allerorten entstehen entsprechende Internet-Plattformen, manchmal direkt bei den Städten angesiedelt wie im Fall von Reutlingen, wo gemeinsam mit der örtlichen Industrie- und Handelskammer die Seite „Abstand halten – Zusammenstehen“ ins Leben gerufen wurde. Dort ist die Asia-Gastronomie ebenso vertreten wie der Scooter-Verkäufer oder das American Store mit Bekleidung.

Beim Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg sieht man die Aktivitäten positiv, auch wenn es manchmal ein schmaler Grat ist zwischen der Einhaltung der Vorgaben der neuen Corona-Verordnung und der Notwendigkeit, zu wirtschaften und sich und die Kunden zu beschäftigen. „Kreative Geschäftsideen – natürlich im Rahmen des rechtlich Zulässigen – sind in diesen Zeiten gefragter denn je“, sagt Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Allen Betrieben sei das jedoch nicht möglich, weshalb das Soforthilfeprogramm des Landes branchenoffen unterstütze und helfe, damit die Unternehmer offene Rechnungen bezahlen oder Mieten weiter überweisen könnten.

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Kontaktlose Lieferung

Für die Hilfe vom Land ist Julia Sunderer dankbar – sie will aber trotzdem fleißig ihren neuen Arbeitsalltag bestreiten. Morgens nehmen sie und ihre drei Mitarbeiter Bestellungen per Telefon und E-Mail entgegen. Am Nachmittag schwingt sich die 41-jährige Chefin aufs Fahrrad und bringt Bücher, Puzzles und Spiele zu den Familien, die ihre Kinder wegen Corona zu Hause betreuen. Die Ware gegen die Langeweile stellt sie an der Türschwelle ab, bezahlt wird mit Überweisung. In den letzten Tagen habe die Nachfrage angezogen:. „Bei den Rätsel- und Beschäftigungsblöcken sind wir total geplündert.“

Landesweit sind innerhalb der vergangenen zwei Wochen Angebote entstanden, und sie erstrecken sich über alle Bereiche. In Stuttgart etwa gibt es die Plattform „Stuttgart sind wir – Unternehmen gemeinsam gegen Covid-19“. Vertreten sind dort Design- und Möbel-Läden, Mode-Boutiquen und der Weltladen an der Planie mit Kunsthandwerk und Bekleidung. „Wir sind für Sie da, auch wenn die Läden im Moment geschlossen sind“, lautet das Motto.

„Momentan versuchen unsere Händler alles“, sagt Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg (HBW). „Boutiquen etwa schicken eine Auswahl von Kleidern an die Kunden, beraten per Web bei der Anprobe und holen die Sachen auch wieder ab.“ Auch Elektro-, Spielwaren und Möbelläden seien präsent. Die Frage sei jedoch, ob und in welchem Umfang die Kunden das Angebot annehmen. Die Angst bleibe, dass viele weiterhin bei den großen, etablierten Onlinehändlern einkauften.

Maßnahmen dienen auch der Kundenpflege

„Die Maßnahmen helfen, zu den Kunden Kontakt zu halten, nicht vergessen zu werden und ein bisschen Umsatz zu machen“, sagt Hagmann. Aber: „Das ersetzt natürlich nicht die Öffnung der Geschäfte.“ Der Handelsverband fordert einen eigenen Rettungsschirm. „Wir brauchen den Ersatz der Schäden, wenn wir nach Corona wieder auf die Beine kommen wollen“, sagt Hagmann. Unter den 40.000 Händlern im Südwesten gibt es zu viele kleine und Kleinstbetriebe, die nicht die Liquidität haben, eine Schließung lange zu überleben.

Nicht nur der schwer betroffene Handel, auch die arg gebeutelte Hotellerie wird in der Not erfinderisch. Auf der Metzinger Online-Plattform „SupportMetzingen24“ findet sich neben einem Lederwarengeschäft, einer Papeterie und einem Bettenladen auch ein Hotel. Das „Schwanen“ bietet in Zeiten Tageszimmer für Homeoffice an – ungestörte Arbeitsatmosphäre fern der Kinder, Highspeed-Internet und Mineralwasser inklusive.

Und dann geht es noch um die Waren, die nicht verderben sollen – etwa bei der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH), die kurzfristig ebenfalls einen Lieferservice eingerichtet hat. Gedacht ist er für alle, die nicht selbst die Märkte kommen können. Die Lebensmittel und Feinkostgerichte werden vom Regionalmarkt Hohenlohe in Wolpertshausen aus versandt oder direkt ausgeliefert, die Kunden erhalten ihre Bestellung innerhalb von ein bis zwei Tagen.

Konkurrenz ist groß

Viele der frisch gebackenen Online- und Liefer-Anbieter müssen aber auch feststellen, dass es schon jetzt reichlich Konkurrenz gibt. Im Heidelberger Raum versuchen bereits mehr als ein Dutzend Buchläden, ihr Geschäft per Lieferung aufrechtzuerhalten. Die Stammkunden aber halten Kinder- und Jugendbuchhändlerin Julia Sunderer die Treue und bestellen bei ihr nun auch Erwachsenenliteratur.

„Viele Leute ärgert es, dass Internetriesen wie Amazon Nutznießer der Krise werden könnten“, sagt Sunderer. Ihr Service per Rad sei nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch geboten: Falle bei den geringen Gewinnmargen im Buchhandel auch noch Porto für die Lieferung an, sei die Arbeit ein Nullsummenspiel. Sunderer hofft, dass sie aus der Krise mit etwa einem Drittel des sonstigen Umsatzes herauskommt. dpa

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