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Von Godwin’s Law bis hin zur Dickwad Theory – 9 Gesetze der Internetkommunikation

Kommunikation im Netz – das ist so eine bunte, komplexe Sache. Aber ein paar wiederkehrende Phänomene gibt es. Gesetze der Internetkommunikation, geradezu. (Foto: alphaspirit / Shutterstock)

Lesezeit: 6 Min.
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Das Internet – unendliche Weiten. Wir sind fast alle fast jeden Tag drin, surfen, chatten, texten, posten und kommentieren. Dabei wird euch aufgefallen sein, dass sich im Austausch mit Leuten gewissen Muster wiederholen. Konversationen im Netz scheinen gewissen Gesetzen zu unterliegen – meist von der „Internetregierung“, den Usern selbst, erlassen.

Sind euch diese Kommunikationsmuster bereits aufgefallen, seid ihr damit weder allein, noch wahrscheinlich die ersten. Diese Phänomene lassen sich in einer losen Sammlung unter dem zugegeben vagen Titel „Die Gesetze der Internetkommunikation“ zusammenfassen. Das haben wir hier für euch getan und einige, aber bei Weitem nicht alle, interessante, skurrile und meist nicht ganz ernst gemeinte „Rules & Laws“ kompiliert, die aber einen Hauch Wahrheit im Kern tragen.

Bedenkt dabei, dass sich einige von ihnen nicht nur auf Internetkommunikation im Besonderen, sondern auch auf Kommunikation im Allgemeinen beziehen – in den Weiten des Netzes aber manchmal umso stärker zum Tragen kommen. Tatsächlich hatten viele von ihnen ihren Ursprung in den 90er-Jahren, zu Zeiten und in den Tiefen des Usenet – oder stammen noch aus der Prä-Internet-Ära.

Wiios Gesetz

Übergreifend für alle Gesetze der Internetkommunikation solltet ihr stets Wiio’s Laws im Kopf behalten – 1978 formuliert von und benannt nach dem finnischen Wissenschaftler und Journalisten Osmo Antero Wiio. Die gelten zwar für Kommunikation im Allgemeinen, treffen aber besonders auf Kommunikation im Netz zu und werden üblicherweise unter folgender Prämisse zusammengefasst:

„Kommunikation schlägt normalerweise fehl, außer durch Zufall.“

Viele der folgend vorgestellten Phänomene lassen sich direkt oder indirekt auf einige von Wiios Gesetzen zurückführen.

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(GIF: Giphy)

Poes Gesetz

Poe’s Law – benannt nach Nathan Poe – ist wohl eins der bekanntesten Internetgesetze. Es besagt, dass Ironie und Sarkasmus bei geschriebener Sprache im Netz nie als solche verstanden werden, sofern sie nicht durch Smileys oder sonstige Mittel deutlich gekennzeichnet werden. Ursprünglich bezog es sich auf Parodien in religiösen Internetforen.

Da sich Poe’s Law als Phänomen bereits so in der Internetkommunikation verfestigt hat, findet mittlerweile häufig eine Umkehr statt: Äußerungen in Chats und Posts werden oft ohne Umwege als Sarkasmus verstanden, sofern sie nicht durch ein Emoji „entschärft“ werden.

Wir sind uns hoffentlich alle einig, dass sich als Antwort auf

„Ich bringe meine Eltern zur Studentenparty mit.“

ein

„Oh, wie schön. 😁 👍“

wesentlich anders liest als

„Oh, wie schön.“

Poes Gesetz erinnert außerdem stark an Wiios zweites Gesetz:

„Wenn eine Nachricht auf unterschiedliche Weise zu verstehen ist, wird sie auf die Weise verstanden, die den größtmöglichen Schaden anrichtet.“

Skitts Gesetz

Wo wir gerade bei Schreibweisen sind: Kennt ihr das, wenn jemand gerade so richtig neunmalklug die Schreibfehler in eurem letzten Social-Media-Post ankreidet – und sich in dem besserwisserischen Kommentar selbst ein paar Fehler erlaubt hat?

Messageboard-Verlauf mit wiederholter Verbesserung von Rechtschreibfehlern.

Skitts Gesetz in seiner reinsten Form. (Bild: Kalibur Kitten / Knowyourmeme.com)

Skitt’s Law besagt, dass sich in jedem Post oder Kommentar, der die Rechtschreibung oder Grammatik eines anderen kritisiert, selbst ebenfalls Fehler dieser Art finden. Benannt ist das Gesetz nach einem Usenet-Mitglied, G. Bryan Lord, User-Name „Skitt“, der das Phänomen 1999 zusammenfassend beschrieb.

Es finden sich auch weitere, teils ältere Gesetze, die das Gleiche beschreiben: etwa Bell’s Law von 1990 oder Muphry’s Law, eine Abwandlung von und ein Wortspiel auf Murphy’s Law, von 1992. Skitt’s Law ist jedoch in diesem Kontext wohl das bekannteste.

Laynes Gesetz der Diskussion

Skitts Gesetzt kommt doppelt und besonders fatal zum Tragen, wenn ihr es vor dem Hintergrund von Layne’s Law of Debate betrachtet. Formuliert von und benannt nach dem Software-Entwickler Layne Thomas besagt es:

  • „Jede Diskussion dreht sich um die Definition eines Wortes. ODER
  • Jede Diskussion artet irgendwann in einen Streit um die Definition eines Wortes aus. ODER
  • Sobald eine Diskussion in einem Streit um die Definition eines Wortes ausgeartet ist, ist die Diskussion vorbei.“

Erlebt haben das die meisten von euch sicher schon mal. Es geht um dieses und jenes. Aber was meint ihr denn mit diesem und jenem? Und was bedeutet dieses und jenes denn überhaupt? Und wenige Posts später streitet man sich um die tiefere philosophische Bedeutung von Begriffen wie „Teller“, „Bürger“, „Gesetz“ oder „journalistisch wertvoller Inhalt“. Einigen kann man sich da dann meist nur noch sehr eingeschränkt und die Diskussion verläuft nach und nach im Sande. Oder driftet in Richtung des folgenden Gesetzes ab:

Godwins Gesetz

Diskussionen und Streits im Internet sind oft langwierig, verworren und – machen wir uns nichts vor – hässlich in ihrer Wortwahl. Je aufgeheizter es wird, desto direkter und oft unfairer wird die Wortwahl, bis dann irgendwann jemand Godwin’s Law bestätigt.

Diagramm, das Godwins Gesetz veranschaulicht.

Godwins Gesetz, simpel visualisiert: Je länger eine Diskussion im Internet andauert, desto weiter geht die Wahrscheinlichkeit eines Nazi-/Hitlervergleichs gegen 1. (Bild: Brad Le Editor / Knowyourmeme.com)

Das Gesetz besagt, dass je länger eine „threaded discussion“ wie in Chats, Foren oder Kommentarspalten andauert und erweitert wird, es umso wahrscheinlicher wird, dass jemand einen Hitler- oder Nazi-Vergleich anstellt – egal, worum es in dem Thread eigentlich ging. Ein Zusatz, der häufig direkt mit Godwins Gesetz mitgemeint ist, ist Folgender: nach dem Hitler-/Nazi-Vergleich endet die Diskussion dann üblicherweise.

Benannt ist es nach dem amerikanischen Autor und Anwalt Mike Godwin, der es 1990 formulierte, und es ist mittlerweile auch schon im Oxford English Dictionary gelandet. Wie viele der „Internetgesetze“ stammt auch Godwins aus den Zeiten des Usenets.

Danths Gesetz

Diese Kommunikationsregel besagt, dass wenn jemand in einer Internetdiskussion statuiert, diese gerade gewonnen zu haben, er oder sie die besagte Diskussion mit Sicherheit verloren hat – sonst müsste man ja nicht ausdrücklich auf den Sieg hinweisen.

Danth’s Law wurde 2005 nach einem RPG.com-Forum-User benannt und scheint sich eine Scheibe von Tywin Lannister aus Game of Thrones abzuschneiden:

(GIF: Giphy)

Der Foren-User Danth hatte behauptet, sein Gegenüber sei persönlich geworden, statt bei logischen Argumenten zu bleiben – und darum sei er, Danth, nun ja offensichtlich im Recht.

Direkt mit Danths Gesetz verknüpft und dieses ad absurdum führend ist übrigens Cohens Gesetz. Das besagt (und nun wird’s kompliziert!), dass jemand, der das Argument „Wenn jemand Argument X vorbringt, hat dieser automatisch die Diskussion verloren“ vorbringt, die Diskussion automatisch verloren hat. Dass sich dieser Kreisschluss ewig so fortsetzen lässt, ist offensichtlich.

Cunninghams Gesetz

Das soll mal einer verstehen. Kann das mal wer erklären? Mit Sicherheit – aber es wäre besser, wenn ihr im Internet nicht direkt danach fragt. Dann fängt man sich nämlich sehr leicht, sehr schnell Besserwisser, Klugscheißer und generelle Internet-Deppen ein und kommt der richtigen Antwort dabei nur langsam näher. Stattdessen könnt ihr euch Cunninghams Gesetz zunutze machen. Das besagt nämlich:

„Der beste Weg, im Internet die richtige Antwort zu bekommen, ist nicht eine Frage zu stellen, sondern die falsche Antwort zu verbreiten.“

Dann kommen wahrscheinlich trotzdem die Besserwisser, Klugscheißer und Deppen aus dem virtuellen Gebüsch. Die Chance, das zu erfahren, was ihr eigentlich wissen wollt, ist so jedoch potenziell größer.

Ein witziges Detail ist, dass das Gesetz nach Howard Cunningham benannt ist – dem Erfinder des Wiki. Dessen ehemaliger Kollege Steven McGeady habe in den frühen 80er-Jahren eben jenen Ratschlag von Cunningham bekommen und daraufhin das Phänomen nach ihm benannt. Noch witziger ist, dass Cunningham selbst wenig begeistert davon ist, dass sein Name an diesem Gesetz hängt. Er ist der Meinung, es würde sich durch seine Verbreitung im Netz selbst widerlegen. Durchsetzen konnte sich seine Richtigstellung noch nicht.

Verwandt scheint Cunninghams Gesetz auch mit Wiios drittem Gesetz:

„Es gibt immer jemanden, der besser als du weiß, was du mit deiner Nachricht sagen wolltest.“

Dickwad Theory

(GIF: Giphy)

Zu guter letzt bleibt, wenn euch Trolle und andere Unangenehme im Netz auf die Nerven gehen, nur zu empfehlen, die Dickwad Theory (grob übersetzt: Oberarsch-Theorie) im Kopf zu behalten. Die besagt schlicht und einfach:

„Normale Person + Anonymität + Publikum = Absoluter Oberarsch.“

Die Dickwad Theory hat sogar ein wesentlich weniger lustig klingendes Pendant in der Psychologie: den „Online-Enthemmungseffekt“. Egal, was ihr bevorzugt, beide beschreiben ein leider alltägliches Phänomen: Viele Leute verlieren alle Hemmungen und Regeln der Höflichkeit, wenn sie sich im Internet hinter einem Nickname oder Blanko-Profilbild verstecken können – und benehmen sich dann wie der letzte Mensch. Das Phänomen ist und bleibt erschreckend aktuell und wird auch im Moment in anderer Form wieder in vielen Kreisen diskutiert.

Wil Wheaton

Wil Wheaton, bekannt vor allem aus Star Trek: The Next Generation, gilt als eine Ikone der Nerd-Welt. Sogar ein Gesetz der Internetkommunikation ist nach ihm benannt: Wheaton’s Law. (Bild: DFree / Shutterstock)

Wheaton’s Law

Anstatt selber zum Dickwad zu mutieren, wenn ihr euch mit einem eben solchen konfrontiert seht, empfehlen wir jedoch, euch dann lieber Wheatons Gesetz ins Gedächtnis zu rufen:

„Don’t be a dick!“

Geprägt von Nerd-Ikone Wil Wheaton alias Star Treks Wesley Crusher verkürzt Wheaton’s Law die goldene Regel „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg’ auch keinem andren zu“ auf ein praktisches, kleines Mantra für die Internetkommunikation:

„Sei kein Arsch!“

Manchmal ist es eben echt nicht komplexer als das.

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2 Kommentare
Alexander Jakob

Das mit den Emojis ist bei mir tatsächlich so. Sobald jemand plätzlich ohne Emojis schreibt, denke ich mir „Ist das etwa anders (negativ) gemeint“?

Keine Ahnung, vielleicht liegt es daran dass persönliche Nachrichten ohne Emojis einfach emotionslos rüberkommen.

Antworten

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