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Kommentar

„Jung, weiblich, Boss!“ wird abgesetzt: Die merkwürdige Gründershow der Jette Joop

Jette Joop begleitet junge Frauen, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen und ihre eigenen Unternehmen gründen. (Foto: RTL II/Bernd Jaworek)

Jette Joop wurde durch Parfüms reich. Sie wollte jungen Frauen in einer neuen Gründershow dabei helfen, genauso reich zu werden – und scheiterte. Unter dem Namen „Jung, weiblich, Boss!“ machte RTL II im Vergleich zu seinem erfolgreichen Konkurrenten „Die Höhle der Löwen“ einige schwere Fehler.

„Die Höhle der Löwen“ hat sich als smarte Gründershow entpuppt und das Interesse des guten alten Fernseh-Publikums an Startups geweckt. Die Show des Kölner Senders Vox ist eine Erfolgsgeschichte, im September startet sie bereits ihre fünfte Staffel. An diesen Erfolg wollen auch andere Sender anknüpfen – das klappte in der Vergangenheit nur noch nicht ganz so gut. So floppte zuletzt das Format „Start up“ von Carsten Maschmeyer auf Sat1. Auch der Versuch von RTL II ist jetzt zum Flop geworden: Die Sendung wurde am Samstag abgesetzt und ist nur noch online zu sehen. Aus guten Gründen: Mit Jette Joop als Gesicht führte der Sender vor, wie man die deutsche Gründerinnenszene möglichst desaströs, unprofessionell und klischeebehaftet abbildet und als massentaugliches Fernseh-Spektakel aufbereitet. Denn statt cleveren Ideen, Businessplänen und Visionen standen Schicksale und die Biografien der Kandidatinnen im Mittelpunkt.

Deutschland hat zu wenig Gründerinnen

Es war ein gut gemeinter Versuch. Eine Gründershow für Frauen. Gründerinnen hat Deutschland nämlich ziemlich wenige. Der Anteil der von Frauen gegründeten Startups in Deutschland betrug im Herbst 2017 laut dem Deutschen Startup Monitor gerade mal 14,6 Prozent. Ganz schön wenig. Schaut man nun auf die rein „technischen“ Ideen – also jene, die fernab der Bereiche Kinder, Backen und Kochen oder Kleidung stehen – sinkt die Zahl der weiblichen Gründer auf fünf Prozent.

Jette Joop und RTL II wollten das ändern. So haben sie die Reality-Doku „Jung, weiblich, Boss!“ ins Leben gerufen. Dort beriet Joop acht Frauen bei der Verwirklichung ihrer Ideen. Doch bereits ein Blick auf die mitgebrachten Business-Cases der Kandidatinnen warf die Frage auf, was die Format-Verantwortlichen darunter verstehen, Frauen beim Gründen zu helfen.

Von einem Kraulsalon über Super-Duper-Food-Smoothiebowls für den Supermarkt hin zu selbstangemischter Kosmetik in einem Salon, in dem sogar Tee serviert wird – besonders innovativ klingt das alles nicht. Mit eher zurückhaltender Begeisterung hört Joop den Frauen beim Pitchen zu. Ob sie sich das so vorgestellt hat?

Auch blieb die Eignung von Jette Joop als Mentorin, die Frauen zu selbständigen Unternehmerinnen ausbilden soll, fragwürdig. Bereits im Trailer nannte die gebürtige Braunschweigerin einige seltsame Vorteile der Selbstständigkeit: „Das eigene Unternehmen hat schon den großen Vorteil, dass man selber bestimmen kann, wie man sein Leben gestalten will. Wann man aufsteht, wann nicht. Mit wem man ins Bett geht und mit wem nicht.“ Stimmt. Entscheidungen, die kein Arbeitnehmer oder Nicht-Gründer dieser Welt jemals treffen wird. Da ist schon fraglich, ob Jette Joop wirklich ein zeitgemäßes Gesicht für diese Sendung war.

„Träume groß und wage zu scheitern“

Doch auch die Ziele und Visionen der Gründerinnen schienen von einer anderen Welt zu sein. Die eine wollte mit 30 Millionärin werden, eine andere Kandidatin mit ihrer Idee einer strippenden Girlgroup in Las Vegas Fuß fassen. Wiederum andere Kandidatinnen träumten von Urlauben auf den Malediven oder Businessclass-Flügen. Ganz nach dem Motto: „Dream big and dare to fail.“

Der scheiternde Höhepunkt des Reality-Formats wird schließlich in der zweiten Folge erreicht. Statt die Frauen kompetent zu beraten und ihnen Hilfestellung zu Businessplänen, Markteintritten, Wettbewerbsanalysen oder Produkt- und Markenentwicklungen zu geben, wird über ihre persönlichen Schicksale gesprochen. Die Geschichten sind traurig und schmerzhaft. Alleinerziehende Mütter, Trennungen, Unwohlsein im eigenen Körper oder Essstörungen. Aus eigenen Bedürfnissen, Lücken, Erfahrungen eine Unternehmensidee stricken – ist das Joops Strategie, die Frauen so zur eigenen Marke zu machen, mit ihren Zielgruppen zu sympathisieren und sich authentisch darzustellen?

Die Umsetzung des Formats ging gründlich schief. Das hat RTL II auch schnell selbst bemerkt und die Show nach zwei Folgen aufgrund zu geringen Zuschauerinteresses abgesetzt. Im Interview mit der Bild-Zeitung äußerte sich Jette Joop über die gefloppte Sendung: „‚Jung, weiblich, Boss!‘ war ein Experiment, das im TV zur besten Sendezeit und mit zu starker Konkurrenz nicht richtig funktioniert hat. Das ist sehr schade, denn im Leben glaube ich auch weiterhin daran, dass Frauen sehr erfolgreich im Business sein können, wenn sie nur wollen.“

Es scheint, dass bei „Jung, weiblich, Boss!“ nicht die Gründerinnen mit den besten Ideen, sondern möglichst unterhaltsame Charaktere und Schicksale ausgewählt wurden. Der Ansatz dieses Formates hätte eine andere Richtung einschlagen müssen. Es ist zu befürchten, dass RTL II mit dieser Darstellung dem Image der deutschen Gründerinnenszene nicht nur nicht geholfen, sondern sogar geschadet hat. Gründerinnen wie Verena Pausder, Pia Frey, Nora-Vanessa Wohlert und Susann Hoffmann sind nur einige Beispiele, die zeigen, dass Frauen in Deutschland viel mehr können als Superbowls, Kraulsalons und Kosmetik.

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3 Reaktionen
Jason

Wir brauchen dringend eine Quote für Selbstständige Frauen... Oder halt wieder irgendsoeinen bullshit

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Johnny

Sie hätten halt Jette Joop nacheifern sollen: erstmal in eine reiche Familie mit Einfluss geboren werden und dann selbigen nutzen, um sich "selbstständig" zu machen.

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