Außenministerin Annalena Baerbock hat sich von den Folgen ihrer Covid-Infektion noch nicht erholt, da trifft es Wirtschaftsminister Robert Habeck: Sein PCR-Test ist positiv. Beiden wünsche ich gute Besserung.
Das Wirtschaftsministerium verkündete pflichtbewusst, Habeck arbeite aus dem Homeoffice weiter – trotz Erkältungssymptomen. So hielten es auch Bundeskanzlerin (inzwischen a. D.) Angela Merkel, Christian Lindner als FDP-Chef, Katarina Barley im Europaparlament. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst saß zwar in Jerusalem fest, arbeitete aber ebenfalls per Videoschalte.
Als Bürgerin denke ich mir: Prima. Danke. Weiter so. Es beruhigt mich, dass unsere Volksvertreter:innen ihre Ämter ernst nehmen. Krieg, Gaskrise, Inflation, Klimawandel, wie üblich ist die Lage ernst und muss verwaltet werden. Gut, dass das jemand macht.
Als Journalistin für Arbeit denke ich mir: Ja, super. Wieder einer, der sich hinstellt und erklärt, dass er auch krank noch leistungsfähig ist. Danke für nichts.
Die Mitglieder unserer Regierung sollten Vorbilder sein. Nehmen sie diese Verantwortung nicht ernst, dann machen sie es Angestellten schwer. New-Work-Idyll hin oder her: Es gibt wirklich viele Menschen, die selbst mit Covid-Infektion weiterarbeiten müssen. Weil ihnen die Macht fehlt, es nicht zu tun.
Manchen Menschen wird das Auskurieren verboten
Dass Infizierte zur Quarantäne verpflichtet sind, schützt wenigstens einen Teil der Bevölkerung. Aber all die Menschen, deren Jobs auch von zu Hause aus möglich sind, werden oft unter Druck gesetzt, weiterzuarbeiten. Dazu kommt die schwierige Lage der Kontaktpersonen. Die aktuellen Regeln reichen nicht aus, um die Bevölkerung vor Chef:innen mit einer solchen Haltung zu schützen.
Zwei Bekannte von mir sind Lehrer:innen und mussten als direkte Kontaktpersonen weiter unterrichten. Bei einer stellte sich heraus, dass sie infiziert war.
Eine Führungskraft im Marketing wollte von zu Hause aus arbeiten, weil ihr Lebensgefährte infiziert und krank war. Ihr Chef nötigte sie, nach dem Ende ihrer Quarantäne ins Büro zu kommen. Sie gab nach, testete sich morgens und mittags – und wurde trotzdem zur Superspreaderin.
In vielen Familien mussten die Eltern weiterarbeiten, während alle wegen einer Covid-19-Infektion zu Hause waren. Das bedeutet Stress. Fehler bei der Arbeit. Belastung für Körper und Psyche. Kinder, die nicht verstehen können, wieso die Eltern sich nicht um sie kümmern. Homeoffice mit Kindern geht nicht. Und es geht schon gar nicht, wenn eine Viruserkrankung schwelt.
Und übrigens: Auch ohne Kinder ist es weder angenehm noch klug, schniefend in Videokonferenzen zu sitzen, hustend Verträge zu verhandeln oder mit Kopfschmerzen Kund:innen-Konten zu verwalten.
„Milder Verlauf“ ist als Begriff ungeeignet
Nach zweieinhalb Jahren und mehr als 140.000 Toten nehmen wir Corona noch immer nicht ernst. Zentral für die Probleme in der Arbeitswelt sind mehrere Faktoren. Zum Beispiel:
- In unseren Köpfen ist Corona eine meist symptomlose Veranstaltung. Doch diese Wahrnehmung ist falsch. Die Studienlage ist uneindeutig, von etwa 60 Prozent Erkrankungen mit Symptomen müssen wir aber ausgehen.
- „Milder Verlauf“ nennen wir es, wenn jemand hustet, Schnupfen hat, Halsschmerzen, Fieber. Kopfschmerzen, Atemnot, Erbrechen, Durchfall. Also alles unter Lungenentzündung. „Milder Verlauf“ ist als Begriff ungeeignet.
- Und so wird munter weitergearbeitet. Warum jemand meint, eine Pause zu brauchen, muss gesondert gerechtfertigt werden.
- Momentan ist die Krankschreibung per Telefon nicht möglich. Das bedeutet: Wer mit Corona infiziert ist, muss in eine Praxis gehen. Jeder vernunftbegabte Mensch überlegt sich das zweimal. Und jeder vernunftbegabte Mensch mit Kleinkindern lässt das bleiben. Ärzt:innen fordern dringend, diese Regel zu ändern.
Und nur zur Erinnerung: Ein Virus ist auch dann im Körper aktiv, wenn sich die Symptome in Grenzen halten. Zu den möglichen Folgen gehört die Myokarditis, also eine Herzmuskelentzündung. Auch das chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) steht in Verdacht. Long Covid ist zu neu, um darüber eine belastbare Aussage zu treffen. Aber man muss es auch nicht herausfordern.
Auch Mitglieder der Regierung dürfen nicht unersetzbar sein
Das Verhalten der Regierung erinnert mich an eine Freundin. Sie ist Medizinerin und steckte sich im Winter mit einem hartnäckigen Erkältungsvirus an. Sehr hohes Fieber, Husten, das volle Programm. Sie war eine Woche lang allein zu Hause mit ihrem zweieinhalb Jahre alten Sohn. Es war die Hölle.
Der Unterschied ist: Meine Freundin ist für ihren kleinen Sohn unersetzlich. Die Mitglieder unserer Regierung dürfen das nicht sein. Ich wünsche allen gute Gesundheit – aber wenn es einmal nicht mehr so sein sollte, dann muss ein Ministerium weiterlaufen. Das ist in jedem Job dieser Welt so. Menschen müssen ersetzbar sein.
Es geht auch besser
Krank von zu Hause aus zu arbeiten ist bei Schreibtischjobs nicht undenkbar. Es hat Vorteile, auch für die erkrankte Person: Dringendes kann erledigt werden. Dadurch sinkt der Anreiz, vor der Genesung ins Büro zurückzukehren.
Die meisten Menschen kurieren Infekte nicht aus. Von zu Hause die wirklich wichtigen Dinge zu erledigen (oder anzuschieben) kann dann die klügere Alternative sein. Wie viel jemand krank leistet, muss sich aber nach dem Gesundheitszustand richten.
Anstatt stolz das eigene Arbeitsethos zu verkünden, könnte die Regierung auch klüger mit ihren Corona-Fällen umgehen. So könnte man das kommunizieren:
„Der Minister kuriert sich aus und wird mehrmals am Tag über wichtige Vorgänge informiert.“
Oder so:
„Der Minister isoliert sich und reduziert seine Arbeitszeit auf ein Maß, das seiner Gesundheit entspricht.“
So sieht vorbildliches Verhalten im Jahr 2022 aus. Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der sich Menschen damit rühmen sollten, krank durchzupowern. Gerade die Politiker:innen sollten ihre Rolle als Vorbilder ernst nehmen. Und das bedeutet: Tee, Bettdecke, Binge-Watching.
Lieber Herr Habeck,
ich hoffe sehr, dass Sie schnell wieder gesund werden. Tragen Sie doch etwas dazu bei und ruhen Sie sich einfach mal aus. Sie können sich ja mehrmals am Tag von ihrem Team informieren lassen, das klappt schon. Und hätten wir nicht alle gern die Zeit, „Damaged Goods“ zu gucken? Das ist Ihre Chance!
Gute Besserung und schöne Grüße
Isabell Prophet
Liebe Isabell Prophet,
warum darf Herr Habeck das nicht ganz einfach selbst entscheiden?
Warum wird überhaupt über seine Erkrankungen geschrieben und geredet. Gibt es wirklich nichts Wichtigeres?
Und warum werden wir immer noch für 5 Tage eingesperrt, obwohl mittlerweile auch bewiesen ist durch andere Länder, dass es auch vollkommen ohne die Isolation geht. Siehe Dänemark, oder Tschechien.
Das Virus wird bleiben und eine Demokratie darf nicht ihre Bürger unfreiwillig einsperren, wenn nicht für die gesamte Bevölkerung akute Gefahr besteht.
Jeder kann sich impfen lassen, jeder darf eine Maske tragen, um sich zu schützen und jeder sollte auch das Gegenteil tun dürfen.
https://www.tagesschau.de/faktenfinder/daenemark-corona-115.html
Mit der Kommunikation von Herrn Habeck habe ich kein Problem. Schön zu sehen, dass er bereit ist an seine Grenzen und darüber hinaus zu gehen, um uns zu dienen. Anders als bei einer freischaffenden Journalistin, die sich durchaus drei Wochen Genesung gönnen darf, wird das Fehlen eines in der Öffentlichkeit stehenden Leistungsträgers bemerkt. Herr Habeck ist sich selbst gegenüber sicherlich bewusst genug, um für seine Gesundheit Sorge zu tragen; dafür braucht es Sie, sehr geehrte Frau Profet, sicherlich nicht.