Analyse

Lügen im Job: Wie viel Geflunker ist noch gut für uns?

Lügen im Job: Wie viel Geflunker ist gut für uns? (Foto: Shutterstock)

Lügen haben kurze Beine, sagt der Volksmund. Dennoch lügt jeder Mensch auch und gerade im Job. Doch wie viel Geflunker ist gut für uns – und wann wird es gefährlich?

Aus dem Film „Eine Frage der Ehre“ stammt Jack Nicholsons legendärer Satz: „Sie können die Wahrheit doch gar nicht ertragen!“ und wenn es ums Lügen geht, trifft er meist voll ins Schwarze. Annemarie Dwars, die eigentlich anders heißt, war beispielsweise zum Zeitpunkt ihrer Bewerbung bei einer Digitalagentur schwanger, hat den Vorgesetzten jedoch wissentlich verheimlicht, dass sie es ist. „Mein Gesprächspartner fragte nach meiner Familienplanung und ich antwortete, dass ich nicht vorhabe, in den nächsten Jahren ein Kind zu bekommen“, so die gelernte Buchhalterin gegenüber t3n. „Das war zwar gelogen, aber hätte ich gesagt, das ich ein Baby erwarte, wäre ich sicher nicht eingestellt worden.“ Dass sie damit Recht behalten hätte, ist sehr wahrscheinlich. Und so gelten Notlügen oft als verzeihlich – zumindest dann, wenn die Wahrheit wehtut, wie in Rob Reiners filmischen Meisterwerk oder eben in Annemarie Dwars bezeichnendem Beispiel.

Das lernt der Mensch auch schon recht früh im Leben, wenn beispielsweise die Mama dem Kind mitgibt, dass es nicht nett sei, dem Opa zu sagen, dass er ein bisschen stinkt. Und selbst im Erwachsenenalter wird den Mitmenschen gerne etwas vorgespielt. So wird die Verabredung zum Essen nicht selten mit der Ausrede abgesagt, dass die Chefin beziehungsweise der Chef mal wieder Überstunden angeordnet habe, obwohl doch eigentlich nur die Couch und ein gemütlicher Netflix-Abend rufen. Dem US-amerikanischen Psychologen Robert S. Feldman von der University of Massachusetts zufolge, soll ein Mensch angeblich rund 200 Mal am Tag lügen. Andere Studien gehen von zwei bis drei Lügen aus. Die Wahrheit liegt wohl auch hier irgendwo dazwischen, denn seriös beurteilen lässt sich das nicht. Männer lügen übrigens meist, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken, und Frauen, um ihrem Gegenüber ein besseres Gefühl zu vermitteln, wie Christoph Lütge, Ordinarius für Wirtschaftsethik an der TU München, in Die Zeit schreibt.

Lügen im Job: „Ja Chef, ich bin dran!“

Lügen im Job sind keine Seltenheit. Meist flunkern jedoch Männer. (Foto: Shutterstock)

Nun verbringen Berufstätige einen gehörigen Teil ihres Tages auf der Arbeit. Und dass auch dort die Wahrheit – mal mehr oder weniger dreist – verdreht wird, zeigt eine aktuelle Glassdoor-Umfrage. In deren Rahmen wurden die Teilnehmenden zu zwei unterschiedlichen Arten von Lügen befragt: „Kleine Lügen“ erfolgen beiläufig und dienen der Beschönigung („Ich bin dran!“), wohingegen „große Lügen” („Ich habe den Kunden gewonnen!“) vorsätzlich erfolgen und Tatsachen grob verdrehen. Dem gelegentlichen Gebrauch von kleinen Lügen im obigen Sinne bekennen sich 45 Prozent der Befragten schuldig, regelmäßig ist diese Form bei 28 Prozent der Deutschen im Einsatz. Immerhin: Große Lügen haben bei den meisten Deutschen im Arbeitsleben nichts zu suchen. Nur acht Prozent setzen große Lügen gelegentlich ein, um sich im Berufsleben durchzusetzen. Nur sechs Prozent tun dies häufig.

Unabhängig von der eigenen Moral hat der Gesetzgeber einigen Job-Lügen in den letzten Jahren jedoch die Rechtmäßigkeit zugesprochen. Zumindest immer dann, wenn die Frage nach der Wahrheit bereits unzulässig ist. So war es beispielsweise auch Annemarie Dwars’ gutes Recht, auf die Frage nach der Kinderplanung zu lügen. „Sind Sie schwanger?“ sei der Klassiker unter den unrechtmäßigen Fragen, weiß auch Guido Völkel, Associate bei Bird & Bird und Fachanwalt für Arbeitsrecht. „Hier gilt, dass die betroffene Kandidatin ein Recht zur Lüge hat, ohne dass sich hieraus später negative Konsequenzen auf ein zustande gekommenes Arbeitsverhältnis ergeben.“ Ebenso steht es um die Frage, ob Bewerbende krank oder vorbestraft seien – zumindest sofern die Antwort darauf nicht die Ausübung der angestrebten Tätigkeit unmöglich macht, wie der Jurist nachschiebt.

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Andere Lügen wiederum sind auf allen Ebenen ein großes No-Go. Wer beispielsweise Zeugnisnoten fälscht, macht sich nicht nur der Lüge, sondern auch der Urkundenfälschung schuldig. Dabei ist sogar schon der Versuch laut § 267 StGB strafbar. Die Urkundenfälschung kann mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft werden. In besonders schweren Fällen reicht der Strafrahmen sogar von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Während gefälschte Zeugnisnoten was für ganz Hartgesottene sind, wird im Lebenslauf schon eher einmal geflunkert. So wird aus der sechsmonatigen Arbeitslosigkeit schnell ein Sabbatical, was meist von Personalern kaum verfolgt und schulterzuckend hingenommen wird. Wohingegen eine fingierte Anstellung bei einem Unternehmen schnell gegenrecherchiert ist und beim Aufliegen unisono als schwerer Betrug aufgefasst wird.

Das Nachrecherchieren von Lebenslaufstationen ist im Übrigen ein einträgliches Geschäft. Die Düsseldorfer Detektei Kocks entlarvt Betrügende, die ihre Unterlagen fälschen, seit Jahren. Die meisten Fälschenden seien – wer hätte das gedacht – Bewerbende für höherqualifizierte Jobs. Geschäftsführer Manfred Lotze sagt gegenüber der Westdeutschen Zeitung beispielsweise: „Es beginnt meist an der Stelle, an denen die künftigen Mitarbeiter mit Werten und Geld des Arbeitgebers in Kontakt kommen.“ Die zahlen für eine Überprüfung der Bewerbung mehrere Tausend Euro – je nach Recherchedauer, dem Technikeinsatz sowie einer Inlands- oder Auslandsüberprüfung. Im Jahr 2000 hat Lotze für eine Untersuchung 5.000 Bewerbungen darauf überprüft, ob sie komplett und wahrheitsgemäß sind. Ergebnis: Rund 30 Prozent der Unterlagen waren nicht korrekt. Die meisten Schummler waren Männer.

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Grundsätzlich gilt: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Insofern bleibt die Lüge – egal ob aus der Not heraus oder beiläufig in die Welt gesetzt – auch ein Drahtseilakt. „Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist das Fundament eines erfolgreichen Arbeitsverhältnisses“, erklärt auch Arbeitsrechtler Guido Völkel. Der Volksmund würde salopp sagen, dass Lügen kurze Beine haben. Wer andererseits die Wahrheit hören will, muss auch in der Lage sein, sie auszuhalten: „Können Sie die Wahrheit ertragen?“, hätte Annemarie Dwars im Vorstellungsgespräch auch genauso gut zurückfragen können. Bei einem Arbeitgeber, der die ehrliche Antwort scheut oder auf deren Basis die junge Frau diskriminiert, möchte sowieso niemand arbeiten. Letzteres ist natürlich leichter gesagt als getan, denn die Wahrheit stopft im Zweifel keine Münder. Oder anders gesagt: Die Wahrheit muss man sich leisten können!

Insofern werden Lügen im Arbeitsleben wohl auch nicht totzukriegen sein. Trotzdem können sie dazu führen, dass es im Zweifel recht schnell einsam um Lügende herum werden kann – vor allem, wenn sie unnötig, gewohnheitsmäßig und gänzlich ohne Maß passieren. Es ist ein Unterschied, ob ich der Chefin oder dem Chef sage, dass sie oder er ein schönes Paar Schuhe trägt, obwohl das nicht der Fall ist, oder ob ich den Lebenslauf arglistig täuschend frisiere. So oder so bleibt jedoch zu wissen, dass sich all diese kleinen Lügen, die das Leben angenehmer machen, schnell zur großen Lebenslüge summieren können, die das Dasein nicht nur unangenehm, sondern unerträglich werden lassen. Auch ein „Ich bin dran, Chef“ kann Mitarbeitende schnell einholen. Denn: Immer wieder behauptete Unwahrheiten werden nicht zu Wahrheiten, sondern – was noch viel schlimmer ist – zu schlechten Gewohnheiten.

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Jobsuche: Die kostenlose Truffls-App für iOS und Android ist ein Tinder für Bewerber. Wer auf der Suche nach einem interessanten Job ist und fündig wird, swipt einfach nach rechts und schickt einen Lebenslauf ab. Antwortet das Unternehmen, kommt es zum Match. (Grafik: t3n / dunnnk)

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