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Desktop-Rechner in der Cloud: Paperspace ist die Zukunft des Personal Computing

Die amerikanische Firma Paperspace bietet virtualisierte Windows-Rechner in der Cloud für Privatnutzer an. Durch neue Virtualisierungs-Technologie und Komprimierungs-Algorithmen fühlt sich Paperspace wie ein „echter“ Computer an und nicht wie eine Kompromisslösung. Ich habe den Dienst getestet und bin begeistert.

Seit über zehn Jahren schreibe ich über Technologie. In dieser Zeit habe ich viele Software- und Hardware-Produkte vor ihrer Veröffentlichung ausprobiert und ein Gespür für die Relevanz eines neuen Produkts entwickelt. Selten hat mich das so euphorisiert und begeistert wie jetzt bei Paperspace.

Zum ersten Mal bin ich vor etwas über einem Jahr auf Paperspace gestoßen. Die Firma und ihr Vorhaben haben in der amerikanischen und internationalen Technikpresse die Runde gemacht. Ich habe das Produkt für t3n kurz vorgestellt und war schon damals von der Idee begeistert: Paperspace bietet Privatkunden virtuelle Desktop-Rechner in der Cloud.

Paperspace: Ein vollwertiger Windows-Desktop-Rechner in der Cloud. (Screenshot: t3n)
Paperspace: Ein vollwertiger Windows-Desktop-Rechner in der Cloud. (Screenshot: t3n)

VDI beziehungsweise Desktop-as-a-Service für Otto Normalverbraucher

Virtualisierte Server gehören seit vielen Jahren zum IT-Alltag, virtualisierte Desktop-Rechner haben sich aber zumindest im Consumer-Segment noch nicht durchgesetzt. Es ist keinesfalls eine neue Technologie. Kommerzielle Anbieter wie Citrix oder VMWare bieten schon seit Jahren virtualisierte Desktop-Lösungen (bekannt als Virtual Desktop Infrastructure oder VDI) zum Selberhosten an. Auch virtuelle Desktops in der Cloud („Desktop as a Service“ genannt) gibt es zum Beispiel von Amazon. Die Angebote richten sich bisher aber vor allem an Firmen und Profis und bestechen nicht durch attraktive Preismodelle und einfache Einrichtung. Auch die Performance ist meist nicht mit einem lokalen Rechner vergleichbar.

„Paperspace macht die Kategorie ‚Desktop as a Service‘ endlich fit für Otto Normalverbraucher.”

Nach einigen Monaten Wartezeit habe ich das Produkt nun endlich im Rahmen einer geschlossenen Betaphase ausprobieren dürfen, für die sich jeder in die Warteliste eintragen lassen kann. Der Anmeldeprozess könnte kaum einfacher sein: Benutzername, E-Mail, Passwort und Kreditkartendaten eingeben, das gewünschte Server- und Abrechnungsmodell auswählen und los geht's. Keine fünf Minuten später ist der virtuelle Cloud-Rechner fertig zur Benutzung. Paperspace bietet drei verschiedene Rechner-Konfigurationen an, die sich in der Anzahl der Prozessorkerne, Arbeits- und Festplattenspeicher unterscheiden.

Momentan gibt es drei Konfigurationen und zwei Abrechnungsmodelle bei Paperspace. (Screenshot: t3n)
Momentan gibt es drei Konfigurationen und zwei Abrechnungsmodelle bei Paperspace. (Screenshot: t3n)

Abrechnung: Monatliche Flatrate oder Stundenpreis

Die Abrechnung erfolgt in zwei Modellen: ein monatlicher Fixpreis zwischen 15 und 60 US-Dollar oder ein stündliches Abrechnungsmodell. Das kommt vor allem Gelegenheitsnutzern zugute. Für einen Grundpreis von fünf Dollar und stündliche Preise zwischen sieben und 50 US-Cent können die virtuellen Rechner genutzt werden.

Den persönlichen Paperspace kann man auf zwei Arten aufrufen: entweder über den Browser (momentan werden Firefox und Chrome unterstützt) oder über den eigenen Paperspace-Client. Strenggenommen handelt es sich dabei aber auch nur um einen Browser, denn die App basiert auf GitHubs Electron-Framework. Angeblich gibt es keine Performance-Unterschiede zwischen nativer App und Browser, aber viele Keyboard-Shortcuts funktionieren nur über die App, weil sie sonst an den Browser und nicht an den Cloud-Rechner geschickt werden. Zusätzlich kann die App abhängig vom Rechner teilweise mehr Gebrauch von Hardware-Beschleunigung machen.

Kritischer Faktor Latenz: Paperspace fühlt sich extrem schnell an

Nach dem Login habe ich mit meinem virtuellen Rechner erst mal eine Spritztour unternommen. Der erste Eindruck: Wow! Das System fühlt sich extrem schnell und reaktiv an. Nach zwei Minuten habe ich vergessen, dass ich nicht auf meiner eigenen Festplatte arbeite. Diesen Artikel schreibe ich ebenfalls im Paperspace. Dessen Gründer, Dillon Erb, erzählt mir später am Telefon, dass die Latenz zwischen dem Server und dem Anwender möglichst unter 60 Millisekunden liegen sollte. Dies sei wohl der Schwellenwert, ab dem Anwender keinen Unterschied zwischen einem entfernten System und einem physikalisch anwesenden Rechner bemerken. Um das einzuhalten, ist die physikalische Distanz zum jeweiligen Server ein wichtiger Faktor. Obwohl mein nächster Server an der amerikanischen Ostküste steht, bin ich begeistert. Nach einem kurzen Test weiß ich, dass meine Latenz bei etwa 100 Millisekunden liegt.

Noch im Jahr 2016 will Paperspace auch Server in Europa anbieten, dann sollte sich die merkbare Verzögerung noch einmal um bis zu 50 Prozent reduzieren, sagt Erb. Ich kann den Termin dafür kaum abwarten. Aber auch jetzt kann ich mit dem Rechner alles machen, was mir in den Sinn kommt. Als Nutzer hat man volle Admin-Privilegien auf dem virtuellen Rechner. YouTube-Videos in HD gucken, programmieren in Android Studio und Sublime Text, Photoshop ausreizen oder Spiele spielen – alles angenehm machbar. Zum Testen habe ich einen der aktuellen Tomb-Raider-Titel heruntergeladen. Für Multiplayer-Gefechte wäre die Latenz zu hoch, aber im Singleplayer-Modus kann ich spielen und bessere Grafik-Einstellungen nutzen als auf meinem lumpigen MacBook Air. Der zweite Aha-Effekt stellt sich ein.

Die Paperspace-Server sind extrem leistungsfähig.(Screenshot: t3n)
Die Paperspace-Server sind extrem leistungsfähig.(Screenshot: t3n)

Extrem schnelle Systeme, hervorragende Netzanbindung

Verdammt, hat diese Kiste viel Power! Obwohl ich nur das Standard-Modell mit 8 Gigabyte RAM und vier CPU-Kernen (laut Systemeigenschaften handelt es sich um einen Intel Xeon E5-2630) gewählt habe, ist die Performance wahnsinnig gut. Installationen rasen nur so dahin. Was der Rechner in Latenz verliert, macht er durch CPU-Performance wieder gut. Hinzu kommt außerdem extreme Netzwerk-Performance. Die Anbindung ans Internet ist überragend. Im Speedtest bekomme ich feuchte Augen: 670 Megabit pro Sekunde im Download und 900 Megabit pro Sekunde im Upload. Das vorher erwähnte Tomb Raider mit seinen 9 Gigabyte lade ich in knapp drei Minuten von den Steam-Servern herunter, und das, obwohl meine Verbindung zum Paperspace nur eine herkömmliche 16-Mbit-DSL-Leitung ist.

Die Paperspace-Server sind mit Gigabit-Bandbreite ans Internet angebunden. (Screenshot: t3n)
Die Paperspace-Server sind mit Gigabit-Bandbreite ans Internet angebunden. (Screenshot: t3n)

Das Geheimnis der Schnelligkeit liegt in den Kompressions-Algorithmen von Paperspace. Das System schafft es, die Frames des virtuellen Rechners stark zu komprimieren und dadurch schneller an den Client zu schicken. Man merkt das, wenn man ganz genau hinsieht: Einige Symbole sind nicht so scharf, manchmal findet sich Artefaktbildung auf farbigen Flächen. Schon nach kurzer Zeit fällt das aber nicht mehr auf und ist ein akzeptabler Preis für die Performance des Systems. Paperspace setzt auch auf Expertise aus dem Cloud-Gaming-Bereich, Spielen gehört damit zu einem der gewünschten Anwendungsgebiete. Die dazu nötige Virtualisierung von High-End-Grafikkarten ist technologisch herausfordernd.

Beta-Version mit Kinderkrankheiten

Paperspace ist und bleibt aber trotzdem nur eine Beta-Version. An vielen Ecken und Enden wirkt das Produkt nicht rund. Einige Beispiele dafür:

  • Serverstandort USA: Europäische Server sollen noch 2016 an den Start gehen.
  • Altes Betriebssystem: Durch Microsofts Lizenzmodell kann Paperspace kein normales Windows 7, 8 oder 10 anbieten, sondern nur die Server-Versionen. Das Pendant zu Windows 10 namens Windows Server 2016 erscheint im dritten Quartal 2016 und soll dann bald auf Paperspace verfügbar sein. Erst dann können Nutzer ein wirklich aktuelles Desktop-OS verwenden, das  besser mit unterschiedlichen Bildschirmgrößen zurechtkommt.
  • Windows only: Linux-User gucken momentan in die Röhre. Paperspace arbeitet aber bereits an der Virtualisierung von Linux-Desktops.
  • Tastatur-Layouts: Meine deutsche Hardware-Tastatur und ihre Umlaute vertragen sich noch nicht mit Paperspace.
  • Display-Auflösungen: Die Skalierung von Spielen klappt nicht gut. Die angezeigte Fläche ist entweder zu groß oder zu klein für das Gast-Display.

Die Einsatzmöglichkeiten von Paperspace sind endlos

Wer Paperspace verwendet, muss sich auf ein dezentrales Gedankenmodell einlassen. Es dauert ein bisschen, bevor man merkt, wozu der Dienst nützlich sein kann. Seitdem fallen aber mir fast jeden Tag neue Nutzungsszenarien ein:

  • Reisen: Seit Jahren träume ich davon, mit meinem iPad zu verreisen und trotzdem vollwertige PC-Funktionalität zu haben. Paperspace macht das möglich. Ich kann den Paperspace auch auf dem Smartphone oder Tablet aufrufen. Die Performance ist super. Auf dem Smartphone ist der Desktop zu klein, nicht aber auf dem iPad. Störend ist nur die dauernd sichtbare Adresszeile des Browsers, aber auch dafür wird Paperspace vermutlich bald eine eigene App anbieten. Der Wermutstropfen ist die fehlende Maus-Unterstützung von iOS. Leute mit Android-Tablet können ihren leistungsstarken Windows-Desktop aber wie gewohnt mit Tastatur und Maus verwenden.
  • Gaming: Ich bin seltener Gelegenheitsspieler, doch seit über fünf Jahren habe ich keinen Desktop-Rechner mehr, quäle mich mit der mickrigen Performance meiner Laptops ab und beneide Freunde um ihre Gaming-Systeme. Mit Paperspace kann ich ein oder zwei Mal pro Woche die Gaming-Maschine anschmeißen und zahle selbst für das beste Servermodell nur ein paar Cent pro Stunde. Sobald europäische Server verfügbar sind, kann ich wieder öfter zocken.
  • Dropbox und NAS: Paperspace könnte viele andere Dienste überflüssig machen. Mit jedem Webbrowser weltweit könnte ich mich auf meinem Rechner einloggen, alles sähe so aus, wie ich es verlassen habe - eine fantastische Erfindung und die logische Weiterentwicklung von NAS-Betriebssystemen wie der Synology Diskstation. Daten-Synchronisation über Dropbox oder OneDrive könnte damit schon bald der Vergangenheit angehören.

Desktop as a Service: Die Zukunft des Personal Computing

Virtualisierte Desktop-Rechner sind in meinen Augen die Zukunft des Personal Computing und die nächste Ausbaustufe von Cloud-Technologie. Der Trend von der Zentralisierung der Daten wird sich in Zukunft auch mit der Zentralisierung von Hardware-Kapazitäten fortsetzen. Es wird mit Sicherheit noch einige Jahre dauern, bis die Technik in der Breite verwendet wird, aber Produkte wie Paperspace oder Googles Chromebook leisten wichtige Arbeit für Early Adopter. Mit seiner leistungsstarken und latenzarmen Virtualisierungs-Technologie, der einfachen Einrichtung und dem flexiblen Abrechnungsmodell macht Paperspace Desktop-as-a-Service-Angebote reif für den Massenmarkt. Der Tag, an dem ich mit meinem günstigen Tablet am Strand sitze und auf die Leistungsfähigkeit und den Datenbestand eines vollwertigen Windows-Rechners zugreifen kann, rückt damit in greifbare Nähe.

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5 Reaktionen
Phillip Sandovski

Liebe es. i unterzeichnet gerade nach oben

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JakobW

Ich bin der Meinung, man kommt zum Arbeiten nicht um einen Leistungsstarkes Notebook herum. Es gibt einfach zu viele Situationen und Orte an denen man keinen vernünftigen Internetzugang hat.

Ich glaube die Zukunft sind eher Applikationen wie Chrome als Plattform. Dort habe ich egal ob auf der Arbeit oder Zuhause eine einheitliche Umgebung und alle Apps und Erweiterungen zur Verfügung.

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Ramin

Ich versuche jetzt auch gerade zu verstehen, worin der Unterschied zu einem z.B. vServer Windows von Strato oder 1&1 besteht.

Kann mir das jemand erklären?

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Dannzen

Ha, da habe isch sogar direkt von Paperspace im Blog einen Artikel gefunden.
http://blog.paperspace.io/why-you-cant-host-your-vdi-in-the-public-cloud/

Ich habe meine Arbeitsmaschine auf der Firma 24/7 laufen, bin über 100/100 angeschlossen und die Firewall lässt mich brav jeden Tag durch. Daher weiß ich auch nicht ganz, welche Zielgruppe damit angesprochen werden soll. Des Weiteren wette ich 10cent das du auf dieser Maschine nicht alleine sein wirst und der Rest wird eh Geheimgehalten ;) Stichwort: vServer

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Hamid Reza Monadjem

Moin Moin, danke! Aber ist es dann nicht einfacher & günstiger einen Windows Server bei AWS zu mieten und immer als Snapshot wenn man es eben nicht mehr braucht zu hinterlegen?

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