Analyse

So politisch ist Tiktok

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Tiktok ist aber nicht nur Plattform für gesellschaftliche Debatten, mit einer eigenen Initiative will das Netzwerk selber zu Aktivismus aufrufen. Mit „Tiktok for good“ will die Plattform dazu motivieren, Gutes zu tun, wie das Unternehmen selbst sagt. Im Rahmen der Aktion sollte zum Beispiel auf den Klimawandel aufmerksam gemacht werden. Dafür stellte Tiktok seinen Nutzerinnen und Nutzern verschiedene Filter, Sticker und Spezialeffekte zur Verfügung, die das Kampagnenziel untermauern sollten. Mit einem glühenden Thermometer zum Beispiel können User in ihren Videos deutlich machen, wie sich das Klima erwärmt hat. Frei nach dem Motto: Aufmerksamkeit ist der erste Schritt zur Besserung.

Werden chinakritische Inhalte zensiert?

Mit der Initiative und dem Statement von CEO Mayer präsentiert sich das Unternehmen natürlich von seiner besten Seite. Es sieht fast so aus, als gingen kurzweilige Unterhaltung und Aktivismus bei Tiktok wunderbar Hand in Hand. Wenn man die Medienberichte der Vergangenheit verfolgt hat, scheint das allerdings nur eine Seite der Medaille zu sein. Immer wieder war die chinesische Plattform in Kritik geraten, weil sie unter Verdacht stand, chinakritische Inhalte aus der App zu verbannen. Recherchen von Netzpolitik.org sollen ergeben haben, Tiktok würde Beiträge von politischen Protesten und Demonstrationen gezielt unterdrücken. Vor allem Videos der Hongkong-Proteste sollten dabei verborgen worden sein.

Auf Nachfrage von t3n zu den mehrfach geäußerten Vorwürfen sagte eine Sprecherin des Unternehmens: „Wir moderieren keine Inhalte aufgrund ihrer politischen Ausrichtung. Unsere Moderationsentscheidungen werden von keiner Regierung beeinflusst, auch nicht von der chinesischen.“ Grundlage für die Moderation von unangebrachten Inhalten seien die Community-Guidelines, heißt es.

„Fehlinformationen“ werden entfernt

Die sind offen einsehbar und lassen in der Tat kaum Rückschlüsse auf manipulative Praktiken zu. Allerdings erklärte Tiktok gegenüber t3n auch, Fehlinformationen zu entfernen, die der Gesundheit einer Person oder der öffentlichen Sicherheit schaden könnten. „Außerdem entfernen wir Inhalte, die im Rahmen von Desinformationskampagnen verbreitet werden“, heißt es weiter. Da die deutsche Sprecherin von Tiktok dieses Statement nicht näher konkretisiert, bleibt Interpretationsspielraum. Wer entscheidet unter welchen Kriterien darüber, was Fehlinformationen sind? Schließlich steht fest, die Proteste in Hongkong dürften für die Protestierenden in einer anderen Realität stehen als für das chinesische Regime.

Inwieweit die Vorwürfe gegen Tiktok berechtigt sind, kann abschließend nur schwerlich geklärt werden. Als private Nutzerin von Tiktok bleibt der Eindruck, dass die App sehr wohl der gesellschaftlichen Meinungsbildung und dem politischen Austausch dient und nicht nur zu Tanz- oder Schminkvideos einlädt. Zugegeben: Dieser Blick auf die Plattform ist sehr eurozentrisch. Inwieweit kritische und vor allem chinakritische Inhalte tatsächlich blockiert werden, bleibt dem User in der Regel verborgen.

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3 Kommentare
kantenhuber
kantenhuber

Facebook? Das ist doch was für alte rechte Krawallniks. Oder so.

Dass TikTok ursächlich anders gedacht war, darf man annehmen. Die chinesische Nomenklatur ist restlos kontrollmanisch und genau auf dem Pfad bewegen sich alle chinesischen Unternehmen.

Das liegt aber zu 100% entgegen der international üblichen machbaren Linie. Weltweit betrachtet interessiert ein Milliardenpublikum garantiert niemanden die speziellen Karotten einiger weniger chinesischer Politiker.

Womit schon relativ klar definiert ist, wie chinesische Unternehmen überhaupt erfolgreich sein können: indem sie dien speziellen Eigenheiten des Heimatmarktes möglichst weit außen vorhalten. Und das tun die dann auch.

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Martin Dewald
Martin Dewald

Finden sie? Ich denke schon, dass der chinesische Staat Einfluss darauf nimmt, denn nicht ohne Grund hat dieser einen gewissen Anteil am Unternehmen und setzt rigide Richtlinien auch in Deutschland-Berlin durch. Nur durch die Veröffentlichung solcher Dokumente wurde in der Vergangenheit bekannt, dass die Sichtbarkeit von Videos, die Homosexualität dort thematisieren, von Mitarbeitern aktiv verringert wurde.

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Kantenhuber
Kantenhuber

Die Betonung liegt auf „Vergangenheit“. Die Chinesen lernen schnell, anders als das bei den westlichen Pendants so erscheint.

Aber grundsätzlich darf man nicht naiv sein. Die chinesische Führung setzt seit einiger Zeit nicht nur auf Dominanz in der Pazifik-Region, sondern vor allem auf weltweite Führerschaft. Und greift dabei selbstverständlich auf das Vorbild USA zurück, auch wenn es in Bezug auf die volkswirtschaftlichen Bedingungen noch nicht ganz reicht, die USA ernsthaft einzuholen. Unter der Voraussetzung, dass sich die mit Trump an die Regierung der USA gelangten Kräfte weiter durchsetzen können, wird das aber eher ein Nahziel sein und weniger eine Perspektive für die Zukunft.

Aber rein grundsätzlich gilt, wenn sich chinesische Unternehmen, vor allem aus der Hightec-Branche vor allem im noch immer weitgehend überdimensionalen Konsumentenmarkt des Westens durchsetzen wollen, müssen sie vor allem die auf dem heimischen Markt üblichen Marotten komplett zumindest verstecken. D. h. ja noch nicht, dass dann Kontrolle auf anderem Wege statt findet.

Bedeutet aber doch durchwegs, dass sich auch Themen der Nutzer durchsetzen, die so bestimmt ursächlich nicht gewollt und gedacht waren. Aber das kann man ja schon mal begrüßen und nur so ist Wandel möglich. Ungewollt, aber letztendlich konsequent.

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