Kolumne

Schon am Anfang ans Ende denken? Vorsorgen für digitale Nomaden

(Grafik: t3n)
Lesezeit: 8 Min.
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Zugegeben, wer jetzt mit dem Gedanken spielt, als digitaler Nomade um die Welt zu ziehen, der denkt an viele Dinge, aber sicher nicht an die Rentenzeit später. Wozu auch? Ist ja noch so lange hin. Doch ein paar Gedanken sollte man sich schon machen – ist besser so.

Auf die Frage, welche Themen rund ums digitale Nomadentum sie interessieren würden, sagte eine Kollegin zu mir: „Die Frage mag seeeeeehr deutsch sein, aber wie sieht es denn mit der Rente aus?“. Ich finde das überhaupt nicht typisch deutsch. Das ist etwas, das viele digitale Nomaden beschäftigt – mal mehr, mal weniger. Die Frage hängt natürlich vom Alter ab und wie lange man plant, die Welt zu bereisen, logisch. Ist man Mitte 20 und will nach dem Studium für ein paar Jahre weg, bevor man in der Heimat dann wieder sesshaft wird und einen Vollzeitjob annimmt, dann ist das Thema gesetzliche Rente weniger von Bedeutung. Die paar Jahre fallen – meiner Meinung nach – nicht besonders ins Gewicht. Anders sieht das aus, wenn man vorhat, Deutschland länger oder dauerhaft zu verlassen.

Staatliche Rente alleine ist es eh nicht

Wie eigentlich jeder wissen sollte, sollte man zusätzlich privat vorsorgen: ob Lebensversicherung, Fonds-Sparplan, eigene Immobilie oder Investment in was auch immer. Das gilt dann auch für die Zeit, in der man nicht im deutschen Sozialversicherungssystem verankert ist, weil man als digitaler Nomade unterwegs ist. Eher doppelt. Denn die Zeit, in der man nicht in das Sozialsystem einzahlt, muss ja irgendwie kompensiert werden. Faustregel für mich: einfach das Doppelte von dem, was man zu Zeiten einer Festanstellung in Deutschland sparen würde, zur Seite legen. Dann mag es später egal sein, ob die staatliche Rente aufgrund der wenigen eingezahlten Beiträge mickrig ausfällt.

Kommt es überhaupt dazu?

Wie oben erwähnt: Wer mit Mitte 20 oder Anfang 30 eine mehrjährige Auszeit nimmt – kein Problem, einfach etwas mehr als sonst beiseite legen und anlegen. Wer dauerhaft seinen Rucksack oder seine Koffer packt, sollte sich intensiver damit beschäftigen. Am besten mit einem Profi in Sachen Altersvorsorge. Doch wer weiß schon, ob er nur kurz oder dauerhaft weg ist? Ich meine: die wenigsten. Es kommt meist anders, als man denkt. Besonders was digitale Nomaden angeht. Auch in diesem Punkt gibt es so viele verschiedene Szenarien. Da gibt es die Digital Nomads, die eine zweijährige Auszeit genommen haben und vorhatten, danach wieder zurückzukehren – und sich dann in einen Menschen, einen Ort, ein Land verliebt haben, und Deutschland nur noch kurz wegen einer Hochzeit, eines Jubiläums oder einer Beerdigung einen Besuch abstatten. Ansonsten de facto ausgewandert. Und dann die, die am liebsten dauerhaft unterwegs sein wollten – aber nach einem Jahr erschöpft und fertig in Deutschland landen und sich vornehmen, nur noch in den Pauschalurlaub zu fahren.

Was ist jetzt also mit Rente?

Konkret privat vorsorgen. Ganz im Ernst, ihr wisst nicht, was kommen wird. Wer etwas anderes erzählt, erzählt Unfug. Pläne werden dazu gemacht, geändert zu werden – von einem selbst oder vom Leben. Mancher Traum wird zum Albtraum, manche Vorstellungen und Erwartungen erfüllen sich nicht, aber auch das Gegenteil kann im positiven Sinne geschehen. Deshalb mein persönlicher Rat: Backup mit privater Vorsorge. Das Geld dafür sollte jederzeit im Monatsbudget drin sein – dann geht man eben nicht so oft aus oder reduziert andere Kosten, beispielsweise exzessives Reisen. Ja, das mag vielleicht als typisch deutsch gelten, ich nenne das aber eher „vernünftig sein“. Denn:

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Die Rechnung wird kommen

Viele digitale Nomaden haben das (leider) nicht auf dem Schirm. Sie arbeiten so viel (oder wenig), wie sie zum täglichen Leben brauchen. Wenn sie etwas beiseite legen, dann für den nächsten Flug oder einen neuen Laptop. Es gibt nicht wenige, die das hinkriegen, keine Frage. Es gibt auf der anderen Seite aber auch die, die irgendwann irgendwo hängengeblieben sind und nicht mehr weiter wissen. Kein Geld für einen Rückflug in die Heimat und irgendwie auch keine Perspektive. Die schlimmste Form – in meinen Augen – ist das Phänomen der „Begpackers“. Offiziell und nach außen digitale Nomaden, erfolgreich und so. In Wahrheit aber abgebrannt, mittellos, der Rechner ist längst verkauft. Diese Menschen sitzen dann mit einem Hut und einem Schild auf der Straße und betteln: „Brauche Geld für Rückflug!“. Sitzen dann direkt neben Straßenhändlern, die 18 Stunden am Tag hart arbeiten, und machen: nichts. Mehr und mehr Länder gehen mittlerweile rigoros gegen Begpackers vor und weisen sie aus dem Land aus. Landen sie dann in der Heimat, kriegen sie die Rechnung präsentiert – für den Flug, der vorgestreckt wurde, aber auch dafür, wieder komplett bei Null anzufangen – Wohnung, Job und so weiter. Das ist eine teure Angelegenheit.

Aufwachen!

Weit verbreitete und beliebte Vorstellung darüber, was man nach der Zeit als digitaler Nomade machen kann, ist, von den Erfahrungen der letzten Jahre zu leben und sich so den Lebensabend zu finanzieren. Und tolle Jobs zuhauf angeboten zu kriegen. Oder einen Traumjob in einem Traumland zu landen. Hier mal eine Übersicht der Top 3 inklusive meiner persönlichen Einschätzungen:

1. Das Buch

Ganz klar und mit weitem Abstand die Nummer 1: „Ich werde ein Buch über meine Erlebnisse schreiben, mit vielen tollen Bildern! Und ich lebe dann von den Tantiemen!“. Erde an Major Tom: Alles klar? Jedes Jahr entscheiden sich viele Tausend Menschen für das Leben als digitaler Nomade. Manche Schätzungen gehen davon aus, dass es in etwa fünf Jahren um die 20 Millionen Digital Nomads geben wird. Wenn auch nur die Hälfte davon wie angedroht ein Buch darüber schreibt – Herr im Himmel … Und ganz im Ernst: Bis auf wenige Ausnahmen, die ich glücklicherweise treffen konnte, worüber wollen all diese Menschen schreiben? Wann sie wo was gegessen haben? Bilder von Coworking-Stations, auf denen alle begeistert die Hände hochhalten und „Yeah“ schreien (so gruppendynamisch halt, tolle Vibes und so). Dazu dann Bilder von Sonnenuntergängen und Hunderte Selfies vor irgendwelchen Wahrzeichen. Gespickt mit dramatischen Episoden, wie das eine Mal, als ein Koffer im falschen Flieger landete und erst mit Verspätung ankam. Leute … Selbst wenn sich jemand für solche Dinge interessiert, kauft er deswegen nicht gleich ein Buch. Facebook quillt über mit genau solchen Geschichten und Bildern. Wirklich, um von Buchverkäufen leben zu können, muss man schon echt was erlebt haben und schreiben können – um sich so von den anderen Hunderttausenden abzusetzen, die das auch machen wollen. Vergesst es! Macht das gerne als Herzensprojekt oder als Hobby, aber glaubt nicht, dass ihr davon bis ans Ende eures Lebens leben könnt.

2. Soft Skills

Der zweitbeliebteste Gedanke für später: „Wenn ich zurückkomme, werden sich die Arbeitgeber nur so um mich reißen, und dann sahne ich voll ab!“. Wieso sie das tun sollten? Ach so, ja, klar, Auslandserfahrung, Sprachen, Soft Skills, interkulturelle Kompetenz, Disziplin, Organisationsvermögen, Krisenmanagement … Kriegt man ja nur, wenn man als digitaler Nomade drei Jahre von Coworking-Station zur nächsten gereist ist, um sich dort mit Deutschen und Engländern und Franzosen und Spaniern und anderen tagein, tagaus über die immer gleichen Themen austauscht – „Wo warst du schon? Wo geht es hin? Haste einen Tipp? Cool, wollen wir was trinken gehen?“.

Klingt gut. Klingt gut … Ein befreundeter Personaler brachte es mal auf den Punkt: „Nie. Im. Leben. Von solchen Leuten lasse ich die Finger. Ja, theoretisch klingt das toll, doch in der Praxis: können sich nur schwer wieder an nine to five gewöhnen, haben Probleme mit Abläufen und Hierarchien, nicht belastbar, überempfindlich, Kritikverweigerer, stören mit ihren ewigen Geschichten und ihrer Besserwisserei eher den Betriebsfrieden, sorgen für Unruhe – nur Probleme.“ Natürlich gibt es auch Unternehmen, die genau so etwas zu schätzen und vor allem einzuschätzen wissen, doch: auch in eurem Feld? In eurer Stadt? Zu Konditionen, die euch gefallen? Sofern ihr nicht hochspezialisierte Digitalexperten oder Ingenieure der Luft- und Raumfahrtindustrie seid, sieht die Realität leider anders aus. Habt ihr dann auch noch Bali und Thailand in der Liste der Länder, in denen ihr wart, kriegt sehr schnell den Stempel „Dauerurlauber“ verpasst. Schwierige Angelegenheit. Der kann man aber begegnen, wenn man schon im Vorfeld mit Arbeitgebern darüber redet. Also dass ihr eben mal für eine Zeit lang weg seid, aber wiederkommt. Doch wie erwähnt – ihr wisst nicht, was alles in der Zwischenzeit passieren kann …

3. Die Bar

Auch sehr beliebt und auf meiner Liste auf Nummer 3: „Ich werde dann später nach meinen Reisen irgendwo eine Strandbar oder ein Restaurant aufmachen oder ein Guesthouse übernehmen und es ganz gemütlich angehen lassen!“. Schöner Gedanke, verlockender Gedanke, falscher Gedanke. Ich schätze mal, dass weniger als zehn Prozent der Leute, die das machen, damit erfolgreich sind. Sitzt man auf der Gästeseite der Bar, sieht das toll aus. Der Chef plaudert mit seinen Gästen, spielt Pool oder macht sich sonstwie locker, die Arbeit machen die Angestellten. Höhöhö … Mal eben ein Guesthouse übernehmen oder eine Bar aufmachen ist in den meisten Ländern der Welt ein Ding der Unmöglichkeit – wenn man das alleine machen will.

Fast überall gilt die 51-Prozent-Regelung, die besagt, dass ein Einheimischer die Mehrheit an dem Unternehmen besitzen muss. Als Ausländer darf man mit maximal 49 Prozent beteiligt sein. Was bedeutet, dass man jederzeit vor die Tür gesetzt werden kann – denn alles gehört dem Local, und der entscheidet. Ganz gleich, ob ihr alles bezahlt habt – ihr zieht im Ernstfall den Kürzeren. Findet also erstmal jemanden vor Ort, dem ihr so blind vertrauen könnt. Dazu dann noch die Bürokratie, das Rechtliche, ewig wiederkehrende Probleme wie Personal, Reparaturen, Instandsetzungen und so weiter. Viele, wirklich viele versenken so ihr angespartes Vermögen, das sie eigentlich für den Ruhestand vorgesehen haben. Und stehen am Ende mit leeren Händen da. Abgesehen davon: Das ist harte Arbeit, sehr harte Arbeit, wenn sie sich lohnen soll. Will man das im Ruhestand? Und gerade bei Bars und so: Wie viele sind gescheitert, weil sie letztlich dann ihre eigenen besten Kunde waren?

Ganz persönlich

Ich gebe zu, vor ein paar Jahren hatte ich nicht so richtig einen Plan für die Zeit später mal. Nur vage Vorstellungen. Doch je mehr Zeit verging und je mehr Menschen ich kennenlernte, desto bewusster wurde mir, wie wichtig es ist, sich damit so früh wie möglich zu beschäftigen. Mittlerweile habe ich einen Plan B, einen Plan C, D und E als Backup. Plan A ist und bleibt: Ich lasse mich guten Gewissens überraschen.

Denn ich weiß, dass ich noch andere Optionen in der Tasche habe. Macht das ähnlich und seid dabei realistisch. Und das hat wirklich überhaupt nichts mit typisch deutsch zu tun …

Cheers, Rob

Du hast Lust, mehr über das Leben als digitaler Nomade zu erfahren? Kein Problem, bei Rob’n’Roll around the World liest du mehr!

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