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Ratgeber

Tiktok kann viel mehr als Tanz und Hype

Tiktok ist nicht nur die App mit den Tanzvideos und dem Lipsyncing, sondern auch ein Ort für Subkulturen. Wer sich etwas Zeit nimmt, wird viele Überraschungen erleben.

Von Teresa Rübel
6 Min.
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Tiktok, die Video-App von Bytedance. (Foto: Pemika Chedpiroon / Shutterstock)

Der erste Kontakt mit Tiktok sieht gerade bei nicht mehr superjungen Menschen häufig so aus: App öffnen. Erstes Video zeigt eine Gruppe Teenager, die zu irgendeinem viralen Hit tanzt. App schließen. Aber wer zehn Minuten Geduld mitbringt und fleißig die „Nicht interessiert“-Funktion bedient, wird schon bald mit besserem Content belohnt. Tiktok hat nämlich viel mehr zu bieten.

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Im englischsprachigen Raum hat sich inzwischen die Geschichte von verschiedenen Tiktok-„Seiten“ verbreitet: Nur die Eingeweihten schaffen es zu „Alt“-Tiktok. „Alt“ steht hier für Alternative. Laut Urban Dictionary sind die „guten“ Seite Tiktoks gemeint, ohne Hype House (eine Influencer:innen-WG in L. A.), ohne verifizierte Tiktoker:innen, ohne Fremdscham und ohne gehypten Content. Mashable-Autorin Jess Joho beschreibt, wie sie in ihrer Anfangsphase auf Tiktok von „Alt Cottagecore Middle-Class Black Girl Tiktok“ zu „Queer Latina Roller Skating Girl Tiktok“ bis zu „Women With Non-Hyperactive ADHD Tiktok“ gelangte. Sie bezeichnet die Startseite Tiktoks, die For-You-Page, als „intim“ und behauptet sogar, der Tiktok-Algorithmus kenne ihre Sexualität besser als sie selbst.

Der Algorithmus bevorzugt natürlich Videos mit hohen Engagement-Raten, trotzdem ist es hier einfacher möglich, über Nacht viral zu gehen, ohne sich vorher ein Following aufzubauen. Tiktok stellt sich nach eigenen Angaben in den Dienst der Diversität, weshalb auf der For-You-Page auch Videos mit wenigen Likes angezeigt werden. (Wie aber ausgerechnet das Video von einem russischen Bauern, der seine Kuh filmt und sechs Likes hat, in den Feed gelangt, ist trotzdem nicht ganz klar …)

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Was neu ist: Seit Juli 2021 ist es möglich, dreiminütige Videos hochzuladen. Das verbessert natürlich nicht automatisch den Content, aber vereinfacht Creator:innen, die wirklich etwas draufhaben, hochwertigen Inhalt hochzuladen und nicht, wie anfangs üblich, auf einen Teil zwei zu verweisen. Die „like and follow for part two!“-Praxis mag allerdings den einen oder anderen Follower auf die Page gespült haben.

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Wie die wirklich spezifischen Nischen zeigen, in denen sich Jess Joho wiederfand, ist Tiktok, obwohl es mittlerweile zum Mainstream gehört, auch ein Ort für Subkulturen. Diese Communitys sind gar nicht mal so klein, aber Nicht-Tiktoker:innen wahrscheinlich trotzdem unbekannt. Hier ein Blick auf die andere Seite von Tiktok.

Booktok

Creator:innen, die auf der Plattform Buchempfehlungen posten, verstehen sich als ein Teil von Booktok. „Bücher, die ich diesen Monat gelesen habe“, „Bücher mit den besten Plot-Twists“ oder „Sortiere mein Bücherregal mit mir“ sind einige beliebte Videotitel. Auch ein Teil von Booktok: Einschlafhilfe-Livestreams, in denen Creator:innen Gutenachtgeschichten vorlesen. „Ich zeig auch die Bilder“ verspricht ein Creator. Die Community ist so groß, dass sie sogar Einfluss auf den Offline-Buchmarkt nimmt: Der Autor Adam Silvera fand sich beispielsweise vier Jahre nach der Veröffentlichung seines Romans „Am Ende sterben wir sowieso“ plötzlich an der Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste wieder und konnte sein Glück kaum fassen. Als eine Käuferin ihm sagte, sie habe sein Buch aufgrund eines Tiktok-Trends gekauft, begriff er, dass Booktok seine Sales in die Höhe schießen ließ.

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#WomeninStem

Auch Entwickler:innen und Programmierer:innen sind viel auf Tiktok unterwegs. Natürlich zirkulieren hauptsächlich Memes auf der Plattform, darüber hinaus machen aber auch Karriereratschläge oder Tutorials einen Großteil des Contents aus. Insbesondere die Beiträge unter dem Hashtag #WomeninStem sind faszinierend. Frauen, die in MINT-Berufen (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) arbeiten, teilen ihre Erfahrungen und bauen ein Mentorship-Verhältnis zu ihren Follower:innen auf. Im Video „Ich bewerte Aussagen, die Jungs im Maschinenbau-Studium zu mir gesagt haben“ erzählt eine Userin, dass sie „Geschirrspüler“ genannt wurde, sie die Anfeindungen aber als Antrieb nahm, um noch fleißiger zu lernen. Die Informatikerin und Ex-Microsoft-Mitarbeiterin Jessica Wang postet auf ihrem Profil Ratschläge für Bewerbungsgespräche und teilt Erfahrungen aus ihrer Karriere in der Tech-Branche. Dabei bleibt sie unaufgeregt, sachlich und vor allem extrem nahbar. Authentizität steht hoch im Kurs für Tiktok-Nutzer:innen.

Die erworbenen Karrierekompetenzen kann die Generation Z dabei sogar bald direkt auf Tiktok anwenden: Ab Ende Juli 2021 ist das Feature „Tiktok-Resumes“ in den USA verfügbar. Bei teilnehmenden Firmen kann man sich dann per Tiktok-Vorstellungsvideo bewerben.

Body Positivity: Authentischer auf Tiktok

Die Body-Positivity-Bewegung auf Instagram ist durch Influencer:innen, die aus dem Movement ein Geschäft machen wollen, sehr weichgespült worden. Auf Tiktok hingegen ist die Bewegung frischer und authentischer denn je. Die Aktivist:innen gehen hier einen Schritt weiter: Während die Instagram-Influencer:innen Selbstliebe propagieren, haben Tiktok-Creator:innen eine neutrale Haltung zu ihren Körpern angenommen. Eine Userin bringt das Konzept auf den Punkt: „Es ist nur ein Körper. Er hat Liebe verdient und du auch.“ Neben den motivierenden Videos mit „Lass-dich-nicht-unterkriegen“-Message gibt es auch Outfit-Inspirationen oder „Storytimes“: kurze Einblicke in die Lebensgeschichte einzelner Creator:innen. Ein weiteres Phänomen: „Come eat with me“- Videos und -Livestreams für Menschen, die entweder niemanden für ein gemeinsames Mittagessen haben, oder denen es schwerfällt, regelmäßig zu essen. Insgesamt macht die Tiktok-Community hier einen ausgesprochen liebevollen und inkludierenden Eindruck.

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Politik(tok)

Tiktok hat erhebliches politisches Potenzial. Denken wir nur an Donald Trumps vermeintliche Großveranstaltung in Tulsa, die 2020 von Tiktok-User:innen ausgebucht wurde, nur um dem Event letztendlich fernzubleiben und den damaligen US-Präsident zu blamieren. Ein vergleichbares Ereignis fand Anfang Juli statt, als die neue Plattform namens Gettr des Ex-Trump-Mitarbeiters Jason Miller online ging. Aufrufe, das Netzwerk mit Memes zu fluten, kamen unter anderem von Tiktok. In Deutschland haben die meisten Jugendorganisationen der Parteien ihre eigenen Accounts.
Die @csuauftiktok veröffentlicht Videos mit Titeln wie „Hat Markus Söder ein Lieblingsbier?“ und hat dabei ein stabiles Following von knapp 50k Abonnent:innen. Für Die Linke kreiert beispielsweise der Landessprecher der Linksjugend Berlin, @felixsschulz, die Inhalte; die @gruene_jugend muss noch an ihrer Soundqualität arbeiten und die @spdbt holt ihre Bundestagsabgeordneten, vorzugsweise Karl Lauterbach und Karamba Diaby, vor die Kamera.

Professionelle Akteure fassen Fuß

Mit dem schnellen Wachstum der App wird Tiktok immer interessanter für professionelle Publisher:innen. Die Tagesschau veröffentlichte schon 2019 ihren ersten Tiktok-Post, damals noch mit Jan Hofer als Protagonist. Funk, das Content-Netzwerk von ARD und ZDF, hat selbstverständlich auch einen Account, und Spiegel TV ist im Februar dieses Jahres ebenfalls auf den Zug aufgesprungen.

Tiktok kennt dich – das hat Vor- und Nachteile

Die beständige Kritik, die an der App geübt wird: Tiktok habe ein massives Problem mit dem Datenschutz. Beim erstmaligen Download fragt die App deinen Standort und deine Kontakte ab und verlangt auch dein Alter sowie deine Telefonnummer. Ein Experte erklärt in einem Interview mit der Washington Post, dass Tiktok eine „abnormale“ Datenmenge abgreife: Als er Tiktok geöffnet habe, habe er in den ersten neun Sekunden etwa 210 Netzwerkanfragen gefunden. Die Summe der von der App ins Netz gesendeten Daten betrug über 500 Kilobytes, was äquivalent zu circa 125 Seiten ausgeschriebenen Daten ist. Die preisgegebenen Informationen beinhalteten die Bildschirmauflösung des verwendeten Geräts sowie den Apple Advertising Identifier.

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Auch die inhaltlichen Richtlinien sind in Teilen sehr fragwürdig: Interne Dokumente, die im Jahr 2020 The Intercept vorlagen, zeigen, dass Moderator:innen angewiesen wurden, die Sichtbarkeit von Videos von Nutzer:innen mit auffälligen Makeln einzuschränken. Zu den von Tiktok vorgeschriebenen Mängeln gehören eine ungewöhnliche Körperform, ein von der Norm abweichendes Gesicht, Behinderungen oder ein „heruntergekommener“ Drehort. Videos mit diesen Kriterien sollen vor neuen User:innen verborgen werden.

Der Suchtfaktor darf auch nicht unterschätzt werden: 2020 veröffentlichte der Student Niko Nquyen von der Cornell University ein Essay, in dem er erklärt, warum er Tiktok ab sofort verlässt. Der Grund für seinen Abschied von Tiktok sei das Suchtpotenzial und die von ihm als verschwendet empfundene Zeit in der App gewesen. Immerhin hat Tiktok einen Bildschirmzeit-Manager, der anzeigt, wenn eine Stunde verstrichen ist. Aber wenn wir mal ehrlich sind, ist jede:r, der:die eine volle Stunde auf Tiktok hängt, bereit, dies auch mindestens eine weitere Stunde zu tun.

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Kommentare (1)

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Julia

Gut zusammengefasst! TikTok kann wirklich noch so viel mehr – nur ein kleiner Fehler hat sich eingeschlichen. TikTok Resumes sind BIS 31. Juli verfügbar (siehe „Apply by“ auf der Seite“).

Liebe Grüße!

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