Umweltministerin Svenja Schulze, haben Sie ein Fairphone?
Wenn die deutsche Umweltministerin einlädt, um ihre Digitalagenda vorzustellen, freut man sich als Technik-Journalist. Umwelt und Technik, da passiert gerade einiges: Microsoft will klimaneutral werden, Apple verschickt schon seit geraumer Zeit iMessages mit Ökostrom, Google Earth kann Solarstrompotenziale berechnen und Secondhand-Technikmärkte wie Rebuy boomen. (Und t3n veröffentlicht sogar Titelstorys zum Thema.)
Digitalisierung als Brandbeschleuniger für das Klima
In der Bundespressekonferenz sitzt dann Ministerin Svenja Schulze und erklärt erstmal, wie wichtig es ist, jetzt zu handeln: Im Jahr 2022, so die Ministerin, könne der monatliche Datenverkehr auf 400 Milliarden Gigabyte ansteigen – das sei die Speicherkapazität von 100 Milliarden DVDs. Im Jahr 2025 könnte der ökologische Fußabdruck der IT den des Autoverkehrs übersteigen. Die Digitalisierung können ein Brandbeschleuniger für den Klimawandel sein, sagte Schulze, wenn wir jetzt nicht gegensteuern. Allerdings, wenn wir sie richtig zu nutzen wissen, können wir dank der Digitalisierung eine Menge CO2 einsparen. Also brauche die Digitalisierung „Leitplanken, einen politischen Rahmen“. Ihre umweltpolitische Digitalagenda sei „die erste Strategie dieser Art in der EU“.
Was ist die digitale Agenda der Umweltministerin?
Das Umweltministerium hat mit 200 Expertinnen und Experten 70 Maßnahmen erarbeitet, fünf davon stellte Ministerin Schulze gleich in der Pressekonferenz vor:
- Rechenzentren sollen effizienter werden. Dafür müssen sie aber erstmal erfasst werden. Das soll bis 2021 passieren.
- Technik soll länger leben: Akkus und Displays sollen austauschbar werden, es soll länger Updates, Reparaturanleitungen und sogar ein Recht auf Reparatur geben.
- Onlineshopping soll nachhaltiger werden: Wie Klopapier oder Kühlschränke soll auch Technik Gütesiegel bekommen. Onlineshops sollen diese bei ihren Suchergebnissen berücksichtigen.
- Ein Produktpass soll zeigen, wie klimafreundlich ein bestimmtes Produkt ist.
- Das Streaming von Videos soll klimafreundlicher werden: Braucht Youtube eine Autoplay-Funktion? Wie wäre es mit einer energiesparenderen Auflösung, schlägt Ministerin Schulze vor.
Nach der Pressekonferenz trifft t3n die Umweltministerin für ein Interview.
t3n: Frau Schulze, haben Sie ein Fairphone?
Svenja Schulze: Mein Diensthandy ist ein iPhone.
t3n: Und privat?
[Svenja Schulze holt ein iPhone 5 aus der Tasche] Ich habe ein altes iPhone, das ist, glaube ich, schon historisch.
t3n: Warum kein Fairphone?
Ich habe das Fairphone ausprobiert, es ist mir noch nicht komfortabel genug. Das liegt daran, dass ich bestimmte Dienste einfach haben möchte. Alle Geräte müssen umweltfreundlicher werden und nicht nur ein paar.
t3n: Wird das langfristig funktionieren, zu sagen, ich will die gleiche Leistung, ökologischer, aber ohne Abstriche im Komfort?
Ja klar, warum denn nicht? Wenn die Branche Rechenzentren zum Beispiel mit erneuerbaren Energien betreibt, wenn die Handys wirklich reparierbar sind. Jetzt sind sie das teilweise, aber es ist zu oft günstiger, ein neues Handy zu kaufen. Es muss die bessere Option sein, zu reparieren, statt alte, aber immer noch gute Geräte in den Elektroschrott zu geben.
t3n: Wenn Sie Reparaturen fördern wollen – warum setzten Sie sich dann nicht dafür ein, dass die Mehrwertsteuer auf Reparaturen gesenkt wird?
Ich weiß, die Mehrwertsteuer gilt im Moment als Wundermittel: Es heißt, wer die Mehrwertsteuer absenkt, lenkt Konsumentenverhalten. Für mich als Umweltministerin ist das nicht der zentrale Punkt. Der zentrale Punkt ist Transparenz, dass die Verbraucher etwa schon beim Kauf wissen, wie lange ein Gerät halten soll. Und dass sie Reparatur als eine Option wahrnehmen, die sich lohnt. Bei vielen Geräten ist das zurzeit noch nicht der Fall.
t3n: Austauschbarkeit, Reparierbarkeit: Wie wollen Sie Apple und Co. von Ihren Ideen überzeugen? Das ist ja auch eine Machtfrage.
Ich will mich als deutsche Ministerin nicht alleine mit den Weltkonzernen anlegen. Ich plädiere für einen europäischen Weg. Wir können in Europa sagen: Hier ist ein großer Markt, hier fragen Verbraucher und Verbraucherinnen ganz gezielt umweltgerechte Produkte nach. Die EU will bis Mitte des Jahrhunderts treibhausgasneutral werden, bei dieser großen Aufgabe müssen alle Branchen mitmachen. Nachhaltigkeit muss also auch in der digitalen Welt ein Thema werden – momentan ist es das kaum. Ein Beispiel aus dem Onlinehandel: Warum schlägt mir der Suchalgorithmus nicht automatisch umweltfreundliche Produkte vor, etwa die mit dem Umweltsiegel Blauer Engel?
t3n: Wollen Sie mit Apple und Co. über ökologischere Produkte nur sprechen oder wollen Sie dazu Gesetze einbringen?
Der erste Schritt ist Reden: Es gibt die Digital-Community und es gibt die Klima-Community. Diese beiden Communitys müssen zusammenkommen. Sie werden sich viel zu sagen haben, davon bin ich überzeugt. Auch die EU hat bisher zwei getrennte Strategien: Digitalisierung und European Green Deal. Warum eigentlich? Wir können aus Deutschland einen guten Impuls senden und beides in der EU-Ratspräsidentschaft zusammenbringen.
t3n: Ihre Strategie, das Silicon Valley zu überzeugen, ist also ein kuscheliger Gesprächsansatz?
Ich weiß nicht, ob das so kuschelig ist. [lacht] Zunächst geht es darum, Transparenz zu schaffen und in den Dialog zu treten. Es geht mitunter schneller, wenn man etwa neue Standards auf freiwilliger Basis vereinbart. Aber wir brauchen auch die richtigen Leitplanken, ohne die wird es nicht gehen. Und da müssen wir auf der europäischen Ebene ansetzen.
t3n: Sollen diese „Leitplanken“ für neue Technik auch wirklich Gesetze sein? Sowas wie: Akkus müssen ab 2025 austauschbar sein?
Das sind Gesetze. Aber ich denke nicht nur an die Austauschbarkeit von Akkus. Ein europäisches Recht auf Reparierbarkeit wäre zum Beispiel mittelfristig ein super Ziel.
Wenn man sagt: Bei Sachen, die ich in der EU kaufe, habe ich eine Garantie. Die kann man reparieren, wenn sie dem EU-Standard entsprechen. Ob ein Produkt überhaupt diesem Standard entspricht, sollte schon beim Onlineshopping sichtbar werden.
t3n: Die großen Tech-Konzerne haben Nachhaltigkeit doch schon längst auf dem Zettel. Muss man da nicht weiter gehen, als nur mit ihnen zu reden?
Daran merkt man, da bewegt sich etwas – es ist aber noch nicht genug. Also müssen wir handeln. Wir können sagen: Europa setzt auf Nachhaltigkeit. Es gibt das chinesische Modell der totalen Kontrolle und das amerikanische Modell mit sehr wenig Kontrolle. Unser Vorschlag: ein Modell dazwischen, das auf Transparenz und Nachhaltigkeit setzt. Das wäre ein gutes EU-Modell, ein guter Markt.
t3n: Die Energie-Einsparungen durch Forschung und Effizienz werden oft von mehr Leistung der Geräte aufgefressen. Haben Sie noch eine Idee, um gegen diesen Rebound-Effekt anzukommen?
Der Rebound-Effekt muss von vornherein mitgedacht werden. Im Moment fördern wir Forschung dazu. Aber wir fangen auch bei uns selbst an, indem wir Umweltdaten zur Verfügung stellen. Wir nutzen noch nicht alle Möglichkeiten, die uns unsere eigenen Daten bieten. Auch die Umweltverwaltung muss digitaler werden.
t3n: Wie viel Ihrer Arbeit als Umweltministerin handelt von Digitalisierung?
Wir können nicht mehr über Naturschutz reden, ohne über Digitalisierung zu reden. Das ist, als würden Sie mich fragen: Welche Rolle spielt das Telefon für Sie?
t3n: Fairphone oder iPhone? Okay, war ein Spaß, vielen Dank für das Gespräch.