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Verkehrswende: Ob Berlin oder Schwarzwald, alle sehen nur sich selbst

Deutschland braucht dringend eine Verkehrswende, doch bislang ist die Diskussion vor allem von Dogmatismus geprägt. Wenn sich etwas ändern soll, müssen wir lernen, über den eigenen Tellerrand zu schauen – und Kompromisse eingehen.

Von Frank Feil
3 Min.
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Verkehrswende: Ob Berlin oder Schwarzwald, alle sehen nur sich selbst. (Foto: Sybille Reuter/Shutterstock)

In einer kleinen Stadt im ländlichen Raum trifft sich der lokale Einzelhandel, um über die derzeitigen Probleme zu sprechen. Natürlich steht die Corona-Pandemie auf der Tagesordnung. Aber auch ein anderes Thema beschäftigt die Gewerbetreibenden: Freie Parkplätze sind sowieso schon rar gesät und jetzt soll auch noch ein größerer Parkplatz in eine Grünfläche umgewandelt werden. Die Angst ist groß, dass dadurch noch weniger Menschen aus dem Umland in die Stadt zum Einkaufen kommen – zumal gerade erst eine weitere Buslinie aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt wurde.

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Ortswechsel. Während der Einzelhandel in der Kleinstadt um seine Existenz bangt, blockieren Fahrradaktivisten in Berlin eine Hauptverkehrsader und skandieren „Autos raus aus unseren Städten!“. Der Gedanke, dass nicht jede Stadt in Deutschland einen ÖPNV wie Berlin-Mitte hat, kommt in ihren Köpfen nicht vor. Kompromissbereitschaft sucht man vergebens. Stattdessen würden viele der Anwesenden Autos am liebsten ganz verbieten.

Von Kompromissen halten auch die Menschen nichts, die sich zeitgleich im Vereinsheim ihres kleinen Dörfchens im bayerischen Wald treffen. Elektroautos? Ein grünes Hirngespinst, das die Kinderarbeit im Kongo fördert und unser Stromnetz überlastet. ÖPNV? Hier fährt der Bus drei Mal am Tag. Lastenfahrräder? Am 1. Mai reicht der Bollerwagen vollkommen.

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Die Mobilitätswende schaffen wir nur gemeinsam

In ihrem tiefsten Inneren wissen die meisten Menschen inzwischen, dass es so nicht weitergehen kann. Wer den Berliner Feierabendverkehr kennt, weiß, dass in unseren Großstädten die Mobilitätswende besser früher als später vollzogen werden muss. Wer allerdings schon einmal ein paar Tage im Schwarzwald verbracht hat, weiß auch, dass hier vielerorts weder der ÖPNV noch das Fahrrad das eigene Auto vollständig ersetzen können.

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Das Problem an der Sache: Alle sehen nur sich selbst. Die Radfahrerin in Berlin-Mitte kann nicht verstehen, warum man heutzutage noch ein Auto braucht. Der Familienvater im Schwarzwald fragt sich, was ihm ein neuer Radweg im Ort bringt, wenn er zu seinem 40 Kilometer entfernten Arbeitsplatz sowieso nur mit dem Auto kommt.

Und man muss nicht mal in den Schwarzwald gehen. Schon in den Berliner Außenbezirken ist der ÖPNV teilweise so schlecht ausgebaut, dass es ohne Auto kaum geht. Kompromisslose Forderungen wie „Autos raus aus Städten!“ lösen bei den dort lebenden Menschen zum Teil Existenzängste aus. Das wiederum führt dazu, dass sie eine Anti-Haltung einnehmen: „Ihr wollt mir mein Auto verbieten? Dann mache ich jetzt gegen Lastenräder und Radwege mobil!“

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Dieses Verhalten lässt sich inzwischen in vielen Bereichen beobachten: Überzeugte E-Mobilisten wollen den Verbrennungsmotor am besten gleich verbieten und bezeichnen Dieselfahrer in Diskussionen als rückständig. Die wiederum sehen in der Elektromobilität eine grüne Ideologie, die sich keinesfalls durchsetzen darf. Parallel dazu kämpft die Elektroauto-Bubble noch gegen die Befürworter von Wasserstoff-Autos, Radfahrer und Autofahrer streiten über die Daseinsberechtigung auf unseren Straßen – und irgendwo ärgert sich eine Wanderin über rücksichtslose Mountainbiker im Wald, die dort ihrer Meinung nach überhaupt nichts zu suchen haben.

Verkehrswende: Ohne Kompromisse geht es nicht

In Brüssel wurde die Innenstadt im vergangenen Jahr zur Vorrangzone für Radfahrer und Fußgänger erklärt. Autos, Busse und Tram dürfen im inneren Ring der belgischen Hauptstadt nicht schneller als 20 Stundenkilometer fahren. Im benachbarten Frankreich gilt derweil in Paris seit Ende August ein generelles Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde. Zudem soll die Innenstadt bis 2022 weitestgehend autofrei werden.

Diese Beispiele zeigen deutlich, wie die Mobilitätswende gelingen kann, wenn Maximalforderungen durch ein gesundes Mittelmaß ersetzt werden. In Brüssel wurde Radfahrern und Fußgängern zwar Vorrang eingeräumt, aber dennoch hat man Autos nicht gänzlich aus der Stadt verbannt. Selbiges gilt für Paris, wo nur das Zentrum autofrei werden soll.

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Miteinander statt gegeneinander – unter diesem Motto sollten wir auch in Deutschland die Verkehrswende gestalten. Das bedeutet beispielsweise, Fahrräder ebenso zu fördern wie Autos, Fahrbahnen und Parkplätze wo immer möglich in Radwege umzuwidmen, für neue Formen der Mobilität zu werben, ohne alte gleich zu verbieten.

Im Endeffekt braucht es individuelle Lösungen, die die Gegebenheiten vor Ort berücksichtigen und alle Menschen gleichermaßen in das neue Mobilitätszeitalter mitnehmen. Mobilitätsexperten, die aus ihrer Wohnung in Berlin-Mitte heraus das Auto als deutschlandweit obsolet erklären, helfen hier ebensowenig weiter wie Menschen, die den Achtzylinder als deutsches Kulturgut betrachten.

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Kommentare (3)

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Uwe

“ … Im benachbarten Frankreich gilt derweil seit Ende August ein generelles Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde. Zudem soll die Innenstadt bis 2022 weitestgehend werden …“ Ihr meint wohl Paris? Lest bitte besser Korrektur, gerade, wenn Ihr themenfremd unterwegs seid.

Frank Feil

Hi Uwe, danke für den Hinweis, da wurde in der Tat ein Paris verschluckt.

Titus von Unhold

Als Bewohner der Eifel hätte ich kein Problem damit Privatautos zu verbieten. Es gibt weder einen Grund für noch ein Recht auf das Leben wie wir es bisher kennen. Wenn das bedeutet dass iwr gewisse Landstriche entsiedeln, wäre das zu begrüßen.

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