Analyse

Auto-Revolution abgeblasen: Darum müssen wir aufs autonome Fahren noch warten

Seite 3 / 3

„Abkürzungsroute“: Level-4-Stadtfahrzeuge

Immerhin, einen technologischen Lichtblick gibt es, und Wolfgang Bernhart bezeichnet ihn als „Abkürzungsroute” der Hersteller. Ausgerechnet Volkswagen muss man an dieser Stelle wohl ausdrücklich loben. Denn die Level-4-Stadtfahrzeuge, von denen der Autoexperte spricht und die wirklich ohne Fahrer auskommen sollen, sind bei der VW-Konzerntochter Moia zumindest schon in Planung. Die angedachten Shuttles sollen irgendwann eine Art Bindeglied zwischen Taxi und öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV) sein – und dementsprechend auch günstig zu nutzen sein. Das verspricht zumindest der CEO. Aber das ist, wie vieles Andere in der Autobranche auch, noch Zukunftsmusik.

Neben solchen Pooling-Lösungen könnten auch gewisse Level-4-Funktionalitäten wie die sogenannten Staupiloten Teil des „revolutionären Weges” der Autohersteller sein, prophezeit Wolfgang Bernhart. Für den Fahrer bedeute das, dass sein Auto im Stauverkehr auf der Autobahn bis zu einer Geschwindigkeit von 40 Kilometern pro Stunde komplett selbstständig fährt und im Notfall auch auf den Standstreifen auffahren kann. Dass auf der Autobahn in der Regel kein kleines Kind herumrennt oder Bälle herumfliegen, erleichtert dem intelligenten System die Arbeit wesentlich. Sicheres Fahren innerhalb von Ortschaften ist da wesentlich herausfordernder.

Robo-Cabs und Steuerung aus der Cloud

Einzig in Feldern, in denen sich auf einen Schlag jede Menge Geld sparen lässt, laufen die Hersteller offenbar zur Hochform auf: Die Automatisierung des Taxis, das Robo-Cab, ist gerade für viele der Premiumhersteller wie GM, Ford, Volkswagen und BMW, aber eben auch vergleichsweise junge Firmen wie Uber offensichtlich eine zunehmend interessante Spielwiese.

Denn jeder weiß: Wer Taxis automatisiert, nimmt mit dem Fahrer den größten Kostenblock aus dem Business-Case. Selbst wenn man für Kosten zwischen 15.000 und 20.000 Euro Hardware verbaue, sei man als Anbieter noch immer günstiger dran, als wenn man einen Fahrer beschäftige, sagt Bernhart. In den Robo-Taxis sieht der Experte „ein gigantisches Potenzial”.

Spannend, wie er sagt, ist für Juergen Reiner auch die Frage danach, wo die Intelligenz von Systemen eigentlich sitzt. Heute orientieren sich viele einzelne Fahrzeuge per Radar- und Lidar-Sensorik, wo sie sich befinden. Interessant, sagt der Autoexperte, sei aber gerade auch dasjenige Szenario, bei dem ganze Flotten aus der Cloud gesteuert würden, wofür es Echtzeitkommunikation über Funk und somit neue Standards wie etwa 5G brauche.

In diese Richtung denke wohl Tesla, sagt Autoexperte Reiner. Das US-Unternehmen wolle nicht die besten Sensoren verbauen und diese immer weiter verbessern, sondern in jenem Design denken, das man heute eher aus der digitalen Welt kenne, sagt er. Die Vision also: Fahrzeuge, die vernetzt sind, voneinander lernen und aus der Cloud gesteuert werden. Tesla, sagt Reiner, sei eben eine Firma, „die in vielen Aspekten wie eine Software-Firma denkt”. Kleine Ausrutscher könnten so schnell korrigiert werden, per Softwareupdate.

Es dürften die Jahre ab 2025 sein, die Juergen Reiner als „spannende Übergangsphase” bezeichnet, jene also, in der alte und neue, nicht-autonome und autonome Fahrzeuge mit- oder auch gegeneinander auf der Straße fahren. Und diese Phase der hoffentlich friedlichen Koexistenz werde „lange andauern”, prognostiziert er. Und das wohl, ohne sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Tesla nicht weiter als etablierte Premium-Hersteller

Zurück im Jahr 2017: Derzeit beschäftigt sich ein Großteil der deutschen Autohersteller mit der internen Aufarbeitung diverser Skandale, bei denen vermutlich nie abschließend geklärt werden wird, wer an der von vielen attestierten Verschleppung automobiler Zukunft nun tatsächlich die Schuld trägt.

Tesla also doch als Messias? Wolfgang Bernhart zumindest kann die Begeisterung für das US-amerikanische Unternehmen nicht wirklich teilen. In den vom gehypten Betrieb aus dem Silicon Valley produzierten Fahrzeugen seien „einzelne Funktionen vielleicht aus Kundensicht besser ausgeprägt als bei anderen Herstellern”, formuliert der Autoexperte vorsichtig. Technisch gesehen sei der Tesla allerdings nicht weiter als die etablierten Premium-Hersteller: „Da gibt es keine signifikanten Unterschiede zu Volvo, BMW, Audi und Daimler.”

Auch Juergen Reiner „würde keinen der Premiumhersteller besonders herausheben wollen”, sagt er im Gespräch mit t3n. „Einfach aus der Begründung heraus, dass alle mit denselben Zulieferern zusammenarbeiten.“ Im Bereich Sensorik seien das zum Beispiel Unternehmen wie Bosch, Continental und auch Mobileye: „Diese Systeme landen in relativ kurzen Zeitabständen in den Fahrzeugen verschiedener Marken und verschiedener Hersteller.“

Die Autorevolution, sie wurde offensichtlich vertagt. Und das, obwohl die Nachfrage durchaus da wäre, wie eine aktuelle Umfrage des Axa-Konzerns ergeben hat. Ihr zufolge würde jeder dritte Befragte in Deutschland „gern” oder sogar „sehr gern” ein autonomes Auto nutzen.

Glaubt man einer anderen Studie, nämlich der von Emnid, misstrauen 67 Prozent der Deutschen automatisierten Fahrsystemen. Diese Skepsis, schlussfolgern die Autoren behend, hänge „mit unserer relativ alten Gesellschaft zusammen”. Wenn die Technik entwickelt und ausgereift sei, werde das Stimmungsbild bestimmt ein anderes sein, prophezeien sie.

Zum Weiterlesen:

Bitte beachte unsere Community-Richtlinien

Wir freuen uns über kontroverse Diskussionen, die gerne auch mal hitzig geführt werden dürfen. Beleidigende, grob anstößige, rassistische und strafrechtlich relevante Äußerungen und Beiträge tolerieren wir nicht. Bitte achte darauf, dass du keine Texte veröffentlichst, für die du keine ausdrückliche Erlaubnis des Urhebers hast. Ebenfalls nicht erlaubt ist der Missbrauch der Webangebote unter t3n.de als Werbeplattform. Die Nennung von Produktnamen, Herstellern, Dienstleistern und Websites ist nur dann zulässig, wenn damit nicht vorrangig der Zweck der Werbung verfolgt wird. Wir behalten uns vor, Beiträge, die diese Regeln verletzen, zu löschen und Accounts zeitweilig oder auf Dauer zu sperren.

Trotz all dieser notwendigen Regeln: Diskutiere kontrovers, sage anderen deine Meinung, trage mit weiterführenden Informationen zum Wissensaustausch bei, aber bleibe dabei fair und respektiere die Meinung anderer. Wir wünschen Dir viel Spaß mit den Webangeboten von t3n und freuen uns auf spannende Beiträge.

Dein t3n-Team

3 Kommentare
Tinu
Tinu

„Selbst der viel gelobte Tesla stellt bislang nur Fahrzeuge des Levels 2 her“ das stimmt so nicht. Tesla bietet Optionen für Level 3 beim Konfigurieren von einem neuen Wagen.

Antworten
David Schüppel

Dann sollten sich unsere lieben Autohersteller mal ein wenig in Zeug legen. Ich will mich beim Fahren endlich entspannt zurücklehnen!

Antworten
Jürgen B.
Jürgen B.

Hallo T3N Team,

ein echt supertoller Beitrag, habe selten so einen vollständigen Artikel gelesen!

Genial!

Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute, vor allem gute Fahrt, am besten autonom :-)

Grüße
Jürgen

Antworten

Melde dich mit deinem t3n Account an oder fülle die unteren Felder aus.

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus!

Hey du! Schön, dass du hier bist. 😊

Bitte schalte deinen Adblocker für t3n.de aus, um diesen Artikel zu lesen.

Wir sind ein unabhängiger Publisher mit einem Team bestehend aus 65 fantastischen Menschen, aber ohne riesigen Konzern im Rücken. Banner und ähnliche Werbemittel sind für unsere Finanzierung sehr wichtig.

Danke für deine Unterstützung.

Digitales High Five,
Stephan Dörner (Chefredakteur t3n.de) & das gesamte t3n-Team

Anleitung zur Deaktivierung