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Fuck-ups: „Wer keine Fehler macht, macht einen großen Fehler“

Christoph Seckler forscht zu Fehlerkultur und Fehlermanagement. Er kennt die heilsame Wirkung sogenannter Fuck-up-Stories und das Geheimnis erfolgreicher Teamarbeit.

5 Min. Lesezeit
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Erfolg haben: Über Fehler zu sprechen, lohnt sich. (Foto: Shutterstock/Gaudilab)

Fuck-up? Sowas sagt man doch nicht, oder etwa doch? Geht es nach Christoph Seckler, dann ist diese Wortwahl in manchen Situationen durchaus angebracht. Der Hauptstädter leitet den Lehrstuhl für Entrepreneurial Strategy an der ESCP Business School in Berlin und forscht dort speziell zum Lernen aus Fehlern und zur Fehlermanagementkultur. Als „Fuck-ups“ bezeichnet er eben jene Fehler, die sich hier und da im Arbeitsalltag ergeben, und über die – obwohl auch das durchaus manchmal angebracht wäre – meist nicht geredet wird. „In vielen Unternehmen haben Team-Mitglieder leider Angst, über Fehler zu sprechen. Man kehrt sie unter den Teppich“, erklärt der Professor gegenüber t3n.

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Das Verschweigen bewirkt jedoch häufig einen Dominoeffekt, der zu einem großen Scheitern führen kann. „Einzelne führen fast nie zum Scheitern, es ist fast immer die Verkettung von vielen kleineren Fehlern“, sagt Seckler gegenüber t3n. „Ich habe gerade den Zug verpasst und verpasse deswegen jetzt einen wichtigen Termin, davor hatte ich aufgrund eines Missverständnisses mit meiner Frau einen Terminkonflikt für den Nachmittag ausgelöst“, sagt er. „Welcher dieser Fehler größer war und welche Kreise sie ziehen, lässt sich gerade leider noch nicht sicher sagen.“ Fakt ist aber: Dieses Problem muss gelöst werden und das passiert nur, wenn der Fehler transparent gemacht wird.

Fehlerkultur vorleben durch Fuck-up-Stories

Christoph Seckler über deutsche Fehlerkultur: „Viele haben Angst, über Fehler zu sprechen.“ (Foto: ESCP)

Seckler plädiert deshalb für einen offenen Umgang und meint damit nicht nur, dass der Patzer transparent gemacht wird, sondern dass er auch als Beispiel ruhig immer und immer wieder herangezogen werden kann – im Rahmen von sogenannten „Fuck-up-Stories“. Führungskräfte können stark beeinflussen, wie sich kleine Fehler auswirken, in dem eine Kultur vorgelebt wird, in der über sie gesprochen wird. Bereits kleine Äußerungen wie „Ich weiß es nicht“ oder „Ich brauche Hilfe“ haben einen großen Effekt auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie deuten an, dass Fehler normal sind und über sie gesprochen werden kann. Das können Führungskräfte auch bewusst anekdotisch ins Zentrum stellen.

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„In vielen Unternehmen haben Team-Mitglieder leider Angst, über Fehler zu sprechen.“

Fuck-up-Stories sind kurze, oft lustig erzählte Geschichten von eigenen Fehlern. In einer Studie, an der er mitgewirkt hat, hat er mit anderen Forschenden die Auswirkungen dieser Erzählungen untersucht und geschaut, wie erfahrene Führungskräfte über eigene Fauxpas sprechen. Eine einprägsame Geschichte habe eine Managerin erzählt, die einst als junge Wirtschaftsprüferin zur Inventur eines Mandanten sollte. „Inventuren finden meist nur einmal im Jahr statt, weswegen auch möglichst alles glatt laufen soll“, erklärt Christoph Seckler. „Da es ihre erste Inventur war, war sie aufgeregt, habe nichts falsch machen wollen und hatte sich entsprechend vorbereitet.“

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Manchmal läuft es aber anders als gedacht. „Sie fuhr also an jenem Tag zur Prüfung, doch bei der Ankunft stellte sie fest, dass es dort gar kein Unternehmen gab. Warum? Sie hatte zwar den korrekten Straßennamen ins Navigationssystem eingegeben, doch den Ortsnamen gab es in Deutschland zweimal – und sie war in die falsche Stadt gefahren“, erzählt Seckler. Die meisten Menschen würden diesen Fehler nicht an die große Glocke hängen. Sie tue es aber ganz bewusst und signalisiert ihrem heutigen Team damit, dass selbst umsichtige Führungskräfte auch Fehler machen. „Das nimmt Mitarbeitenden die Angst vor eigenen Missgeschicken und gibt Sicherheit, offen darüber zu sprechen.“

Über Fehler zu sprechen, lohnt sich

Dass der Umgang mit Fehlern einer der entscheidenden Faktoren guter Teamarbeit ist, hat auch Google erkannt. Im Rahmen des Project Aristotle kam der Tech-Konzern zu dem Ergebnis, dass eine Teamkultur, in der offen über eigene Fehler gesprochen wird, einer der besten Prädiktoren für Erfolg ist. Google spricht diesbezüglich von einer psychologischen Sicherheit. Der Begriff geht allerdings auf Amy Edmondson von der Harvard Business School zurück, die ihn bereits 1999 im Rahmen eigener Forschungen prägte. Teams lernen schneller, wenn sie offen über Fehler sprechen, und bringen so auch bessere Leistungen. Die Effekte sind eingängig erforscht und wissenschaftlich belegt.

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„In den USA werden die positiven Konsequenzen von Fehlern eher gesehen.“

Eine Studie zur Fehlerkultur in Unternehmen der American Psychological Association kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass der offene Umgang damit die Profitabilität um bis zu 23 Prozent steigern kann. Über Fehler zu sprechen, lohnt sich also im wahrsten Sinne des Wortes. Jede Chefin beziehungsweise jeder Chef kann dieses Vorgehen sehr einfach im Arbeitsalltag etablieren. Nicht wenige Führungskräfte gehen sogar so weit, auch außerhalb des Unternehmens darüber zu reden. Im Rahmen sogenannter „Fuck-up-Nights“ trauen sich weltweit unzählige Menschen auf Bühnen und sprechen mit viel Humor öffentlich über ihr Scheitern als Gründerinnen und Gründer.

Die Event-Reihe kommt ursprünglich aus den USA. „Im Silicon Valley ist es weniger stigmatisiert, über Fehler zu sprechen“, sagt auch Christoph Seckler. Das geht sogar so weit, dass es von manchen Investorinnen und Investoren sogar als vorteilhaft angesehen wird, wenn Gründerinnen und Gründer schon einmal mit einem Startup gescheitert sind. Oder um es mit den Worten des Experten zu sagen: „In den USA werden die positiven Konsequenzen von Fehlern, das Dazulernen, der Innovationshunger, die Resilienz, die entsteht, wenn man aus einer Krisensituation heil herauskam, eher gesehen als in Deutschland.“ Hierzulande haftet einem Scheitern immer ein negativer Beigeschmack an.

Das beweisen auch internationale Vergleichsstudien. Der renommierte Wirtschaftspsychologe Michael Frese hat in einer viel beachteten Analyse die Fehlerkultur in 61 Staaten verglichen. Im Ergebnis lag Deutschland auf dem vorletzten Rang in Bezug auf die Toleranz von Fehlern. Schlechter schnitt nur Singapur ab. Die Gefahr bei den Ländern auf den hinteren Rängen sei größer als ignorant, inkompetent oder unklug zu gelten. Was hilft, ist, sich der dadurch ausgelösten Negativspirale bewusst zu werden, so Frese. Inwiefern sich der gesellschaftliche Umgang allerdings auch verändert, ist schwer zu sagen, da es nur Momentaufnahmen und keine belastbaren Langzeitstudien gibt.

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Deutsche Unternehmen können auch hier übrigens von Google lernen. Dass Innovationen nämlich auch scheitern dürfen, wird in dem Tech-Konzern nicht nur von Anfang an in Kauf genommen, sondern auch der Öffentlichkeit transparent gemacht. Auf einer Website publiziert Cody Ogden die gescheiterten Projekte im Google Graveyard. Unter der Überschrift „Killed by Google“ sind dort bis dato 264 zu Grabe getragene Projekte gelistet – darunter der Live-Streaming-Service „Google Fiber TV“, das soziale Netzwerk „Google Plus“ und der E-Mail-Dienst „Inbox by Google“. So ein selbstbewusstes Verhalten, meint Christoph Seckler, normalisiere Fehler und ermutigt andere, Projekte ergebnisoffen anzugehen.

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4 Kommentare
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Tom Winter

Bei der kanadischen Non-Profit Hilfsorganisation „Engineers Without Borders“ (EWB) sprechen nicht nur alle offen über ihre Fehler und das, was sie daraus gelernt haben. Die Fehler werden sogar in einem Report veröffentlicht. Ich finde die Idee, Fehler konstruktiv und offen zu kommunizieren, genial. Und die wöchentlichen Teammeetings beginnen bei EWB mit folgendem Statement: „Das habe ich letzte Woche versemmelt – und das habe ich daraus gelernt.“

Antworten
Ursula

Hi, die Seite https://killedbygoogle.com/ wird tatsächlich gar nicht von Google selbst publiziert und gepflegt, sondern von Cody Ogden (arbeitet nicht für Google) und vielen weiteren Mitwirkenden: https://github.com/codyogden/killedbygoogle/graphs/contributors

Antworten
Andreas Weck

Liebe Ursula, vielen Dank für den Hinweis. Ich habe es korrigiert.

Gruß

Andreas

Antworten
Ursula

Hallo lieber Andreas, danke für die Rückmeldung und Korrektur und den Artikel!
Einen schönen Tag noch, beste Grüße
Ursula

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