Analyse

Tiktok fordert Facebook heraus und will Zugang zum Algorithmus schaffen

Tiktok will mit Transparenz-Initiative zeigen, dass es sich an US-Gesetze hält.

Lesezeit: 4 Min.
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In einem zu schaffenden Center sollen Experten Tiktoks Algorithmen und Moderation begutachten können. Marketing-Gag, um sich zum „Good Guy“ zu stilisieren, ernst gemeinte Flucht nach vorn oder beides?

In einem Blogpost verkündete Tiktok-CEO Kevin Mayer, ein „Transparency and Accountability Center“ einrichten zu wollen, zu Deutsch also ein Zentrum für Transparenz und Verantwortlichkeit oder auch Rechenschaft. In diesem sollen Experten Einblick in den Code der verwendeten Algorithmen gewährt bekommen sowie in Echtzeit verfolgen können, wie Tiktok-Mitarbeiter die Plattform moderieren.

Dies ist aber weder eine Veröffentlichung noch eine wirkliche Einladung an die Öffentlichkeit: Die Einrichtung eines solchen Centers bedeutet, dass das Setting für die Einblicknahme vollständig von Tiktok kontrolliert wird. Unklar ist, welchen Experten überhaupt Einblicke gewährt werden und im welchem Ausmaß sie Verschwiegenheitserklärungen werden unterschreiben müssen. Mayer spricht davon, Werbern, Kreativen und staatlichen Behörden zeigen zu wollen, wie gut sich Tiktok an US-Gesetze halte. Das ist so formuliert, dass es nicht zwingend bedeuten muss, dass all diese Gruppen wirklich Zugang erhalten und dies nicht einem akkreditierten Kreis etwa von Behördenvertretern vorbehalten bleibt.

Interessant ist vor allem, was Mayer alles nicht sagt: Weder Journalisten noch Forschungseinrichtungen erwähnt er als Zielgruppe des „Transparency and Accountability Centers“. Außerdem schreibt er explizit von US-Gesetzen, das heißt also, dass die Einhaltung von Gesetzen anderer Länder einschließlich der EU nicht Teil dieser Ankündigung ist. Von einer wirklichen Offenlegung oder gar Veröffentlichung ist überhaupt nicht die Rede.

Weniger radikal als es klingt

Dieser Schritt von Tiktok ist leider nicht ganz so radikal, wie er klingt, da es bei anderen Plattformen durchaus einige Einblicknahmen gab, zumeist eher unfreiwillig im Zuge von Gerichtsprozessen oder Untersuchungen durch die Behörden verschiedener Länder. Freiwillig hatte sich Facebook gerade erst einem „Civil Rights Audit“ unterzogen (und fiel dabei durch). Das ist natürlich nicht mit der Gründung eines solchen Centers vergleichbar, aber zugleich darf bezweifelt werden, ob ein solches Center Transparenz wirklich zuverlässiger herstellt als Untersuchungen durch staatliche Behörden.

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Mayers schreibt sich geradezu um Kopf und Kragen und sein ganzer Blogpost ist wie ein Sandwich aufgebaut: Der Mittelteil, in dem die Gründung des Centers angekündigt wird, fällt erstaunlich knapp und faktenarm aus. Drum herum äußert sich Kevin Mayer in zahlreichen langatmigen und teilweise blumigen Absätzen darüber, wie sehr Tiktok doch die Menschheit voranbringe und beglücke, gerade auch in Zeiten der Covid-19-Pandemie. Und wie wenig Auswahl die US-Werber hätten, wenn Tiktok fehle. Er lobt mit einer Art „Gut so!“, dass alle Social-Media-Plattformen in den USA mittlerweile staatliche Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen. Und er beklagt, dass Tiktok unter strengerem Verdacht stehe als die anderen, weil es aus China stamme, man dies aber als Herausforderung akzeptiere.

Das Timing dieser Ankündigung kann kein Zufall sein: Es wird ausgerechnet an dem Tag veröffentlicht, an dem Jeff Bezos (Amazon), Tim Cook (Apple), Sundar Pichai (Alphabet/Google) und Mark Zuckerberg (Facebook) dem Ausschuss im US-Kongress Rede und Antwort stehen müssen, der für die Verfolgung von Marktmissbrauch und Zerschlagung von Kartellen zuständig ist. Mit seiner Aufforderung an die Konkurrenz, ebenfalls Transparenz-Center zu eröffnen, stellt Tiktok sich als „Good Guy“ unter lauter Ganoven dar.

Dieser Schritt kommt jedoch in einer für Tiktok gefährlichen und kritischen Zeit. Die Plattform ist Vorwürfen aus den unterschiedlichsten Richtungen ausgesetzt. Die App fällt immer wieder als Datenstaubsauger auf, der auch nicht vor dem Inhalt der Zwischenablage haltmacht. Es fanden sich Hinweise, dass queere Inhalte oder solche etwa von behinderten Menschen oder anderen Minderheiten zwar nicht gelöscht, aber eben aufs Abstellgleis gestellt werden, um die Plattform „sauber“ zu halten. Dass es hierfür zumindest zeitweise explizite Anweisungen an die Moderatoren gegeben hat, wirft Fragen zu Tiktoks Haltung zu Meinungsfreiheit und Diskriminierung von Minderheiten auf.

Von allen Seiten unter Druck

Zugleich wird Tiktok immer wieder vorgeworfen, dass China-kritische Inhalte, wie beispielsweise zu den Menschenrechtsverletzungen an den Uiguren, unterdrückt wurden und auf der Plattform oft nur durchkommen, wenn sie etwa als Schminkvideo getarnt daherkommen. In den USA, Australien und in Großbritannien laufen zudem Untersuchungen mit dem Vorwurf, Tiktok habe sensible Nutzerdaten weitergegeben. Die EU hat eine Arbeitsgruppe zusammengestellt, die Datenschutzverstöße zusammentragen und deren Untersuchung koordinieren soll, was der deutsche EU-Abgeordnete Moritz Körner (FDP) mit „dem Drachen die Zähne ziehen“ umschreibt.

Derweil wurde die App in Indien, einem der größten Märkte für Tiktok, verboten – allerdings gemeinsam mit zahlreichen anderen chinesischen Apps. Während derzeit die Grenzstreitigkeiten zwischen Indien und China in der Himalaya-Region wieder hochkochen, befürchtet Indien, dass China Tiktok und andere Apps zu Zwecken der Überwachung und Spionage missbrauchen könnte.

Gleichzeitig sprechen US-Präsident Trump und seine Regierungsvertreter seit Tagen immer mal wieder davon, dass sie über ein Verbot von Tiktok in den USA nachdenken. Dies ist vermutlich als Drohung im derzeitigen Handelskrieg zwischen den USA und China betrachten, die vom Tisch genommen werden dürfte, wenn China im Gegenzug irgend ein völlig anderes Zugeständnis macht. Ein Verbot hätte aber auch Vorteile für die US-Regierung: Etwa einen Präzedenzfall für ein solches Verbot zu schaffen, bei dem mit weniger Widerstand von Netzaktivisten zu rechnen wäre.

Auf Distanz zu China

Tiktok steht also derzeit mit dem Rücken zur Wand, zumindest wenn es um den Status als globale Social-Media-Plattform außerhalb Chinas geht. Die chinesische Staats- und Wirtschaftsordnung ist so aufgebaut, dass chinesische Unternehmen und Joint Ventures grundsätzlich immer damit rechnen müssen, dass die chinesische Regierung Einfluss auf Tagesgeschäft und Firmenstrategie nehmen kann und nimmt. Es ist fragwürdig, wie frei Tiktoks Entscheidung war, sich aus Hongkong zurückzuziehen. Da liegt es auf der Hand, dass Tiktok bzw. die Muttergesellschaft Bytedance versucht, sich so weit wie möglich von China zu distanzieren.

Unter diese Absicht fällt wohl auch, dass Bytedance im vergangenen Mai den ehemaligen Disney-Manager und US-Amerikaner Kevin Mayer zum CEO ernannt hat. Als Bytedance eine Niederlassung für Softwareentwicklung in Kalifornien mit zunächst 150 Spezialisten eröffnete, kamen sogar Gerüchte auf, Tiktok könne in die USA umziehen. Vermutlich dient die Schaffung von Arbeitsplätzen aber vor allem der Besänftigung der US-Regierung und als Reaktion auf Trumps America-First-Strategie.

In dieser für Tiktok äußerst gefährlichen Situation könnte es also sogar sein, dass die Schaffung eines „Transparency and Accountability Center“ mehr als ein reiner Marketing-Gag ist und Tiktok relativ ernsthaft bestrebt sein könnte, Transparenz herzustellen. Jedenfalls bis auf Weiteres.

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