Analyse

Tiktok fordert Facebook heraus und will Zugang zum Algorithmus schaffen

Tiktok will mit Transparenz-Initiative zeigen, dass es sich an US-Gesetze hält.

In einem zu schaffenden Center sollen Experten Tiktoks Algorithmen und Moderation begutachten können. Marketing-Gag, um sich zum „Good Guy“ zu stilisieren, ernst gemeinte Flucht nach vorn oder beides?

In einem Blogpost verkündete Tiktok-CEO Kevin Mayer, ein „Transparency and Accountability Center“ einrichten zu wollen, zu Deutsch also ein Zentrum für Transparenz und Verantwortlichkeit oder auch Rechenschaft. In diesem sollen Experten Einblick in den Code der verwendeten Algorithmen gewährt bekommen sowie in Echtzeit verfolgen können, wie Tiktok-Mitarbeiter die Plattform moderieren.

Dies ist aber weder eine Veröffentlichung noch eine wirkliche Einladung an die Öffentlichkeit: Die Einrichtung eines solchen Centers bedeutet, dass das Setting für die Einblicknahme vollständig von Tiktok kontrolliert wird. Unklar ist, welchen Experten überhaupt Einblicke gewährt werden und im welchem Ausmaß sie Verschwiegenheitserklärungen werden unterschreiben müssen. Mayer spricht davon, Werbern, Kreativen und staatlichen Behörden zeigen zu wollen, wie gut sich Tiktok an US-Gesetze halte. Das ist so formuliert, dass es nicht zwingend bedeuten muss, dass all diese Gruppen wirklich Zugang erhalten und dies nicht einem akkreditierten Kreis etwa von Behördenvertretern vorbehalten bleibt.

Interessant ist vor allem, was Mayer alles nicht sagt: Weder Journalisten noch Forschungseinrichtungen erwähnt er als Zielgruppe des „Transparency and Accountability Centers“. Außerdem schreibt er explizit von US-Gesetzen, das heißt also, dass die Einhaltung von Gesetzen anderer Länder einschließlich der EU nicht Teil dieser Ankündigung ist. Von einer wirklichen Offenlegung oder gar Veröffentlichung ist überhaupt nicht die Rede.

Weniger radikal als es klingt

Dieser Schritt von Tiktok ist leider nicht ganz so radikal, wie er klingt, da es bei anderen Plattformen durchaus einige Einblicknahmen gab, zumeist eher unfreiwillig im Zuge von Gerichtsprozessen oder Untersuchungen durch die Behörden verschiedener Länder. Freiwillig hatte sich Facebook gerade erst einem „Civil Rights Audit“ unterzogen (und fiel dabei durch). Das ist natürlich nicht mit der Gründung eines solchen Centers vergleichbar, aber zugleich darf bezweifelt werden, ob ein solches Center Transparenz wirklich zuverlässiger herstellt als Untersuchungen durch staatliche Behörden.

Mayers schreibt sich geradezu um Kopf und Kragen und sein ganzer Blogpost ist wie ein Sandwich aufgebaut: Der Mittelteil, in dem die Gründung des Centers angekündigt wird, fällt erstaunlich knapp und faktenarm aus. Drum herum äußert sich Kevin Mayer in zahlreichen langatmigen und teilweise blumigen Absätzen darüber, wie sehr Tiktok doch die Menschheit voranbringe und beglücke, gerade auch in Zeiten der Covid-19-Pandemie. Und wie wenig Auswahl die US-Werber hätten, wenn Tiktok fehle. Er lobt mit einer Art „Gut so!“, dass alle Social-Media-Plattformen in den USA mittlerweile staatliche Untersuchungen über sich ergehen lassen müssen. Und er beklagt, dass Tiktok unter strengerem Verdacht stehe als die anderen, weil es aus China stamme, man dies aber als Herausforderung akzeptiere.

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