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Interview

Blockchain-Experte: „Es gibt zu viele Möglichkeiten, die Kryptosanktionen zu umgehen“

Russland isolieren: So lautet das erklärte Ziel westlicher Staaten im Ukraine-Krieg. Nach den Finanzsanktionen übt die Politik Druck auf den Krypto-Markt aus. Kann das funktionieren?

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Finanzplatz Frankfurt: Sanktionen gegenüber Russland wurden schon erlassen, jetzt folgt die Isolation des Landes auf Krypto-Markt. (Foto: picture alliance/AP/Michael Probst)

Spätestens seit der Invasion Russlands in der Ukraine reagieren die internationalen Finanzmärkte mit starken Kursschwankungen. Auch der Kryptomarkt verhielt sich zunächst ähnlich, bis es wieder nach oben ging. Ist Bitcoin also in Krisenzeiten doch das „digitale Gold“ oder der „sichere Hafen“? Und wie reagieren die unterschiedlichen Player auf dem Kryptomarkt auf Krise und Sanktionen?

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Darüber haben wir mit Timo Emden gesprochen. Er ist Marktanalyst und zertifizierter Blockchain-Experte der Frankfurt School of Finance & Management.

t3n: Diese Woche wurden einige russische Banken vom Swift-Netzwerk ausgeschlossen. Eine sehr harte Finanzsanktion. Können Bitcoin und andere Kryptowährungen das kompensieren?

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Timo Emden: Nein. Technisch ist eine Kompensation eines kleinen Teils der Maßnahmen möglich. Praktisch sind Kryptowährungen aber noch nicht bereit, um an der Realwirtschaft in Russland zu partizipieren. Große Lebensmittelketten in Russland zum Beispiel akzeptieren keine Bitcoinzahlungen. Es fehlt die Akzeptanz und Massenadaption. Damit Krypto eine echte Alternative wäre, müsste man erst langfristig ein Ökosystem aufbauen. Außerdem ist Krypto eine sehr, sehr kleine Anlageklasse: Der Kryptomarkt hat einen Wert von aktuell etwa 1,8 Billionen US-Dollar. Der Goldmarkt dagegen ist weit über zehn Billionen Dollar wert.

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t3n: Coinbase, Binance, Bitpanda – viele große Kryptobörsen haben zumindest teilweise Konten russischer Bankkund:innen eingefroren. Lässt das den Rest der Krypto-Welt kalt?

Timo Emden: Ja, das lässt den Markt kalt. Vielleicht gibt es minimale Auswirkungen, aber die sind nicht erwähnenswert. Man darf nicht vergessen, dass die Musik in den USA spielt, nicht in Russland. Der Krypto-Markt ist zwar klein, aber wir sprechen immerhin von fast zwei Billion Dollar, da müssten die Russen schon sehr viel Geld in Kryptos geparkt haben und ruckartig bewegen, um einen Ausschlag zu sehen. Aber das wird nicht der Fall sein. Wie viel russisches Geld in Kryptos steckt, weiß niemand, weil der Markt eine Blackbox ist.

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Es gibt zu viele Möglichkeiten, die Kryptosanktionen zu umgehen.

t3n: Die Sanktionen der Börsen betreffen aber nur die Assets, die auf solchen zentralen Börsen liegen. Assets auf Cold Wallets sind davon nicht betroffen und über dezentrale Exchanges kann immer noch gehandelt werden.

Genau. In Summe sind Staaten in einem dezentralen Netzwerk wie Bitcoin machtlos. Sie können an die Gelder von Personen, die sanktioniert werden sollen, eigentlich nicht rankommen. Vielleicht in der Theorie, aber nicht in der Praxis. Es gibt zu viele Möglichkeiten, die Kryptosanktionen zu umgehen.

t3n: Wie effektiv sind die Krypto-Sanktionen über die zentralen Börsen?

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Das ist eine Frage der Akzeptanz. Normale Verbraucher tummeln sich eher auf zentralen Exchanges wie Binance und Coinbase. Wenn die Sanktionen aber stattdessen superreiche russische Oligarchen treffen sollen, verfehlen sie ihr Ziel. Erstens, weil die Maßnahme wahrscheinlich nur kleine Endverbraucher trifft. Der zweite Grund ist, dass das wahrscheinlich zu spät kommt: Wer viel Geld auf Kryptowallets liegen hat, hat sie möglicherweise schon lange in Sicherheit gebracht und wird Wege finden, sie weiterhin zu halten und zu handeln. Es ist natürlich legitim, etwas tun zu wollen, aber es könnte die Falschen zum falschen Zeitpunkt treffen. Krypto-Konten einzufrieren ist eine undurchdachte Verzweiflungstat.

Die Ukraine-Krise ist ein Brandbeschleuniger für die Krypto-Regulierung

t3n: Was hätte stattdessen passieren müssen?

Die EU und besonders die USA, wo die großen Krypto-Börsen ihren Sitz haben, hätten früher handeln müssen. Scharfe Regulierungen des Marktes statt nur laschem Verbraucherschutz wären angebracht gewesen. Die Ukraine-Krise ist ein Brandbeschleuniger für die Krypto-Regulierung, die aber unabdingbar ist. Momentan hat die Politik keine Zeit dafür, aber die Krypto-Regulierung wird in Zukunft auf der Tagesordnung stehen. Der Kryptobranche wird man die Daumenschrauben, die schon angelegt sind, sehr wahrscheinlich weiter zuziehen.

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t3n: Das klingt sehr hart. Welche Auswirkungen hätten scharfe Regulierungen auf den Krypto-Markt?

Mehr Regulierung wird erst mal wehtun und sich auf die Kurse womöglich kurzfristig negativ auswirken. Mittel- bis langfristig aber durchaus positiv, weil Krypto dadurch zu einer seriöseren Anlageklasse wird, die auch mehr große Investoren und Privatanleger anzieht. Straffe Regulierung schafft Seriosität und Vertrauen. Das wiederum ist wichtig, damit große Marktplayer sich der Branche öffnen. Hier spreche ich von größeren Börsen und Vermögensverwaltern, die nur sehr schwer wieder zurückkönnen, wenn sie sich einmal diesem Markt geöffnet haben.

Marktanalyst und Blockchain-Experte Timo Emden (Foto: Emden Research)

Krypto-Regulierung wird wie ein Gürtel wirken: Wenn man ihn der Branche umgeschnallt, wird ihr das erstmal die Luft zum Atmen nehmen. Der Markt kann sich nicht mehr frei und schnell bewegen. Aber er passt sich diesen Gegebenheiten an, was dazu führt, dass er noch intensiver, schneller und vor allem nachhaltiger wachsen kann.

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t3n: In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir gesehen, wie sehr der Kryptomarkt auf die Vorgänge an den Börsen reagiert. Sind Kryptowährungen dann kein “sicherer Hafen” in Krisenzeiten oder waren sie das noch nie?

Der Bitcoin ist kein “sicherer Hafen”. Der Bitcoin soll nicht als Zahlungsmittel, sondern als Wertspeicher fungieren, daher kommen die Vergleiche mit Gold und Co.. In vergangenen Krisenzeiten war der Bitcoin auch sehr gefragt. Die Volatilität ist aber immer ein Dorn im Auge der Anleger, vor allem wenn sie den Bitcoin nur als kurzfristigen Wertspeicher sehen.

t3n: In den vergangenen Tagen hat sich der Kryptomarkt aber aus der Abhängigkeit von der Börse herausgelöst. Spricht das nicht für einen Krisenschutz?

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Schon, denn es zeigt, dass in geopolitischen Krisenzeiten zumindest kurzfristig Werte im Kryptomarkt geparkt werden. Das ist aber nicht in Stein gemeißelt. Der Kryptomarkt kann auch wieder in die Abhängigkeit der Börsen zurückfallen und mit den Börsenkursen schwanken. Auch wenn der Bitcoin kein sicherer Hafen ist, wird er möglicherweise – wenn die Krise sich geopolitisch weiter verschärfen sollte – seinen wahren Zweck als Wertaufbewahrungsmittel wiederentdecken und in Krisenzeiten wieder gefragt sein.

t3n: Also doch der „sichere Hafen”?

Das ist eine Definitionssache. Ein sicherer Hafen wird in der traditionellen Anlegerwelt so verstanden, dass Geld mit möglichst geringen Wertschwankungen geparkt wird. Das sehen wir in den Klassikern Gold oder Silber. Der Bitcoin ist aber hochvolatil. Deswegen würde ich nicht von einem sicheren Hafen sprechen, zumindest nicht kurzfristig. Klar haben wir in der Vergangenheit super Performance langfristig. Aber das muss in Zukunft nicht so bleiben. Das Narrativ eines sicheren Hafens bleibt weiterhin ein Mythos. Mittel- bis langfristig, wenn der Markt weiter wächst und mehr Geld einfließt, kann die Volatilität sinken und umso mehr Menschen ihr Geld in Bitcoin parken, ohne es rauszuziehen. Dann könnte es irgendwann vielleicht ein digitales Gold geben. Der Markt ist – Stand heute – zu jung, intransparent und manipulationsanfällig. Das disqualifiziert den Markt als sicheren Hafen.

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