Wenn Wirtschaftskrisen zur Sinnkrisen werden: Unter dem Begriff der „Great Resignation“ summieren sich Fälle, in denen das so oder so ähnlich passiert ist. Die Pandemie hat die Arbeitswelt kräftig durcheinandergewürfelt; manche Menschen haben sich kaputt gearbeitet, manche befanden sich in Kurzarbeit und manche verloren sogar ganz ihren Job. Das hat was mit ihnen gemacht: Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben ihren Beruf aufgrund von plötzlicher Geldnot, strapazierender Überarbeitung und fehlender Wertschätzung hinterfragt. Seit Monaten zeigen Studien, wie massiv die Kündigungsbereitschaft und der Wechselwille gestiegen sind. Und sie zeigen zudem: Der Trend reißt nicht ab.
Die Jobplattform Stepstone sprach beispielsweise im April 2021 davon, dass jede beziehungsweise jeder Vierte vor dem Hintergrund der Krise sich dazu entschieden habe, den Job zu wechseln. Die Meinungsforschenden von Gallup gaben ein Jahr später im April 2022 an, dass der Wechselwille in Deutschland inzwischen sogar größer sei als in den USA, wo der Trend erstmals identifiziert wurde. Eine frisch veröffentlichte Studie von PWC unter 52.000 Menschen aus 44 Ländern zur Zukunft des Arbeitens ergab jetzt: Es gibt nach wie vor keinen Grund zur Gelassenheit. Rund 20 Prozent der Menschen sind wechselbereit und wollen binnen der nächsten zwölf Monate kündigen. Die Anteile variieren stark in den Altersklassen.
Von jung nach alt fällt der Wert: Unter den Gen Z sind es 27 Prozent, unter den Millennials noch 23 Prozent, unter den Gen X bereits 15 Prozent und unter den Babyboomern immerhin noch neun Prozent, die in den kommenden Monaten den alten Job kündigen wollen. Die Werte von Stepstone aus 2021 und von PWC aus 2022 zeigen, dass die Zahlen sich binnen des letzten Jahres kaum verändert haben. Die „Great Resignation“ ist nach wie vor präsent. Die Menschen geben weiterhin freiwillig ihre Jobs in einem nicht zu ignorierenden Maße auf. Für Arbeitgebende ist das aufgrund des ebenfalls stark auftretenden Fachkräftemangels am Arbeitsmarkt ein alarmierendes Zeichen. Immer mehr Stellen bleiben nämlich unbesetzt.
Fachkräftemangel: Unbesetzte Stellen sind teuer
Dass das erheblich ins Geld geht, zeigt eine aktuelle Auswertung von Stepstone vom Mai 2022: Die Jobplattform hat die Kosten erstmals beziffert. Durchschnittlich soll eine unbesetzte Stelle deutsche Unternehmen einmalig 29.000 Euro kosten. Je nach Unternehmensgröße steigt der Betrag konkret für IT-Fachkräfte sogar in schwindelerregende Höhen und zählt branchenübergreifend zu den höchsten Werten: In Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitenden geht Stepstone von einmalig 19.269 Euro aus, in Unternehmen mit bis zu 250 Mitarbeitenden von 37.301 Euro und in Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden sogar von 96.228 Euro pro unbesetzter Stelle.
Die Stepstone-Statistiker haben dafür interne Daten durchschnittlicher Tagesgehälter mit der Vakanzzeit der Jobs jeweiliger Berufsgruppen multipliziert. Letzteres ergibt die Anzahl der Tage, die eine Stelle im Schnitt unbesetzt ist. Die Schätzung sei jedoch sehr konservativ. Schließlich, so die Studienleitenden, interpretiere man das Gehalt in der Rechnung lediglich als Mindestwertschöpfung, die eine Mitarbeiterin beziehungsweise ein Mitarbeiter für Arbeitgebende generiert. Außen vor bliebe, was die Stelle darüber hinaus an Umsätze hätte einbringen können. Die Annahme ist also, dass das Gehalt genau dem Wert der Arbeit entspricht. Die tatsächlichen Kosten dürften somit um ein Vielfaches höher liegen.
Für Arbeitgebende sollten sich daraus konkrete Aufgaben ableiten: Wie die oben erwähnte PWC-Studie weiter zeigt, zählen für die Befragten zu den wichtigsten Faktoren am Arbeitsplatz ein faires Gehalt, sinnstiftende Aufgaben und dass sie im Job sie selbst sein können. Dementsprechend können beispielsweise für alle im Team nachvollziehbare Gehaltsstrukturen und eine wertschätzende Unternehmenskultur tendenziell schon den Grad an Loyalität erhöhen. Aber auch im Hinblick auf die Arbeitsweisen können Arbeitgebende auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingehen: 63 Prozent der Befragten gaben beispielsweise an, ein hybrides Modell aus Homeoffice und Büro zu bevorzugen.
Wie massiv sich der War for Talents derzeit abspielt, zeigen aktuelle Beispiele: So hat Microsoft erst vergangene Woche angekündigt, die Gehälter deutlich zu erhöhen, um hauseigene Talente nicht an den Cloud-Konkurrenten Amazon zu verlieren. Der hat ähnliche Schritte schon im Februar 2022 angekündigt. Die Kryptobörse Bitpanda verfolgt den Ansatz, Personal mit mitarbeiterfreundlichen Arbeitsbedingungen anzulocken. Das Unternehmen hat ein Benefits-Paket geschnürt, um für Fachkräfte attraktiver zu werden – dazu zählen ein unbegrenzter Urlaubsanspruch, eine 20 Wochen dauernde bezahlte Elternzeit für Mütter und Väter und die Möglichkeit, an 60 Arbeitstagen ortsunabhängig zu arbeiten, egal, von wo aus.
Arbeitgebende müssen handeln
Dass die Technologie-Branche natürlich unter anderen Voraussetzungen arbeitet als beispielsweise das Handwerk oder die Pflege, liegt auf der Hand. Nichtsdestotrotz werden auch diese Branchen, die stark vom Fachkräftemangel betroffen sind, sich verändern und vielleicht sogar gänzlich erneuern müssen. Vor allem hinsichtlich der Gehälter stagnieren die Löhne seit Jahren, während die Lebenshaltungskosten steigen. Zudem klagen vor allem Pflegekräfte seit langem über kaum mehr hinzunehmende Mehrarbeit bis hin zur völligen Erschöpfung. Die Pandemie hat die gegebenen Verhältnisse noch einmal dramatisch verschärft, und die Öffentlichkeit hat durch mediale Aufmerksamkeit ein neues Bewusstsein dafür bekommen.
Der Trend der Great Resignation gepaart mit der massiven Fachkräftelücke hat die Kräfteverhältnisse im Job verändert. Lange wehte dort ein anderer Wind: starke Arbeitgebende, schwache Mitarbeitende. Wer einen Job hatte, ackerte fleißig, um nicht rauszufliegen und womöglich in die Untiefen von Hartz-IV abzurutschen. Von ein paar wenigen Spezialisten abgesehen, die hinsichtlich ihrer Fähigkeiten schwer zu ersetzen und deshalb immer schon nachgefragt waren, mussten Generalisten meist nehmen, was sie kriegen konnten. Heute ist das anders: Expertinnen und Experten sprechen längst von der neuen Macht der Angestellten und es stimmt: Arbeitgebende müssen jetzt handeln.