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Lieber unsere 5-Tage-Woche als das, was Belgien jetzt macht

Belgien hat die Vier-Tage-Woche bei gleichbleibenden Wochenstunden angekündigt. Doch das Konzept taugt nichts und ist inkonsequent, kommentiert t3n-Autor Andreas Weck.

4 Min. Lesezeit
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Alexander De Croo will mit der Vier-Tage-Woche die Wirtschaft flexibilisieren. (Foto: dpa)

Die spinnen doch, die Belgier, tönt es derzeit in vielen Kommentarspalten. Der Grund: Der belgische Premier Alexander De Croo hat die Vier-Tage-Woche für seine Bürgerinnen und Bürger angekündigt. Nicht wenige Unternehmende sehen darin einen Angriff auf die Arbeitsmoral und blasen ins gleiche Horn wie schon viele konservative Kritikerinnen und Kritiker zuvor: Die Vier-Tage-Woche ist was für Sozis, die faul sind und nicht arbeiten wollen. Für sie ist glasklar: Viel hilft viel! Jede Arbeitsstunde ist bares Geld. Die Leute sollen einfach arbeiten, anstatt immer nur freizumachen. Doch diese Perspektive ignoriert Tatsachen!

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Dass ein Mensch nur ein begrenztes Arbeitspensum am Tag schafft, ist wissenschaftlich bewiesen. Menschen sind keine Maschinen, die ohne Ermüdungserscheinungen durcharbeiten. Studien zeigen, dass selbst ein Acht-Stunden-Tag eigentlich zu viel ist. Niemand arbeitet acht Stunden konzentriert und produktiv durch – auch nicht mit einer Mittagspause dazwischen. Die Realität ist, dass davon etliche Stunden verloren gehen für Gedaddel auf Facebook, für Shopping auf Amazon und dort, wo Internet in den Firmen verboten ist, wird mindestens geraucht und in der Gegend herumgelaufen – bis es endlich Feierabend schlägt.

Niemand arbeitet 8 Stunden durch

Beispielhaft erwähne ich hier eine Studie von vielen, in der Mitarbeitende anonymisiert befragt wurden: vouchercloud.com fragte knapp 2.000 Angestellte, welche Tätigkeiten sie an einem Arbeitstag durchführen. Die Ergebnisse sind erschreckend: Durchschnittlich sind sie nur zwei Stunden und 53 Minuten am Tag wirklich produktiv, geben sie unverblümt zu. Doch womit sind sie dann den Rest der acht Stunden beschäftigt, fragen jetzt sicher viele? Damit!

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  1. Soziale Medien – 47 Prozent
  2. Nachrichten lesen – 45 Prozent
  3. Private Gespräche mit Kollegen – 38 Prozent
  4. Kaffeepausen – 31 Prozent
  5. Raucherpausen – 28 Prozent
  6. Nachrichten am Handy schreiben – 27 Prozent
  7. Snacks essen – 25 Prozent
  8. Essen zubereiten – 24 Prozent
  9. Private Telefonate – 24 Prozent
  10. Nach neuen Jobs suchen – 19 Prozent

Jede Arbeitsstunde ist bares Geld? Stimmt. Sie kostet bares Geld und bringt nur bis zu einem bestimmten Punkt etwas ein. Die Vier-Tage-Woche ist insofern ein richtiger Schritt. Auch und vor allem, weil die Arbeit, die getan werden muss, immer komplexer wird. Während Mitarbeitende sich bei routinierten Tätigkeiten wie der Aktenablage früher auch einmal ausruhen konnten, werden diese To-dos jetzt von Computern erledigt. Das heißt: Die leichten, erholsamen Tätigkeiten werden weniger und die Zeit wird immer mehr mit Tätigkeiten gefüllt, die Konzentration, Fokus und Ruhe brauchen. Hello Erschöpfung, my old friend!

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Die Fünf-Tage-Woche bei 40 Stunden funktioniert allenfalls für Menschen, die Routinearbeit leisten, aber nicht für diejenigen, die mit dem Kopf arbeiten. Aber auch für die anderen ist sie belastend. Supermarktkassierer:innen, Fabrikarbeiter:innen, Handwerker:innen – auch sie schaffen mit zunehmendem Alter die körperlich anstrengende Arbeit nicht mehr. Was passiert: Altersteilzeit bei schwindendem Gehalt und damit später geringere Renten. Alles gegeben und doch nicht weit gekommen. Es braucht dringend ein Update der Arbeitswelt. Ich würde sogar so weit gehen, den Belgiern vorzuhalten, dass auch deren Vier-Tage-Konzept eigentlich nichts bringt. Es ist bei genauer Betrachtung sogar toxischer als das, was wir haben.

4-Tage-Woche mit 9,5 Stunden ist Quatsch!

Belgien führt Recht auf Vier-Tage-Woche ein. (Foto: Shutterstock-Creative Photo Corner)

De Croo ermöglicht nämlich die Vier-Tage-Woche bei gleichbleibender Arbeitszeit – in Belgien sind das 38 Stunden. Das ist ein Haken, der alles Potential vernichtet. Das heißt konkret, dass an vier Tagen mindestens 9,5 Stunden gearbeitet werden muss, um Freitag freizumachen. Das ist eine Milchmädchen-Rechnung, denn, wie wir wissen, wird in den Stunden sowieso nicht produktiver gearbeitet und das Wohlbefinden sinkt noch mehr, da der Feierabend in weite Ferne rückt. Das tägliche Wohlbefinden hat übrigens einen immensen Einfluss auf den Krankenstand. Wer ständig so viele Stunden am Tag im Büro sitzt, tendiert eher dazu, mal nicht zu kommen. Oder sogar irgendwann komplett weg zu sein. Bore-out oder Burn-out sind die dramatische Folge.

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„Was wir in Zukunft brauchen, ist eine echte Vier-Tage-Woche!“

Was wir in Zukunft brauchen, ist eine echte Vier-Tage-Woche, oder, noch besser, einfach einen Fünf-Stunden-Tag. Die komplexe Arbeit passt in den Rahmen des menschlich Möglichen. Die Abende sind frei für die Familie, die Hobbys oder einfach nur den Haushalt. Anstrengende arbeitsreiche Phasen wechseln sich mit gebührend langen Erholungsphasen ab. Und ganz nebenbei profitiert das Privatleben auch noch davon. Das macht glücklich und zufrieden. Und glückliche und zufriedene Mitarbeitende leisten mehr als die, die eigentlich gerne woanders wären. Dass das funktioniert, hat die weltgrößte Studie zur Vier-Tage-Woche längst bewiesen.

Island hat zwischen 2015 und 2019 eine ähnliche Regelung getestet und die Studie zur Vier-Tage-Woche mit positivem Fazit abgeschlossen: „Die Produktivität und die erbrachte Leistung blieben gleich oder verbesserten sich sogar bei den meisten Versuchsarbeitsplätzen“, hieß es in der 2021 veröffentlichten Auswertung. Mittlerweile ist das Konzept etabliert und es hätten sich knapp 85 Prozent der Beschäftigten, die auf die Regelung zurückgreifen können, für die Option auf ein dreitägiges Wochenende entschieden. Bis dato berichten die Unternehmen von gleichbleibender Arbeitsleistung. Arbeitnehmende berichten, dass sie die neu gewonnene Freizeit für ihr Wohlbefinden sowie die Familie nutzen. Das nennt man Win-win.

Übrigens ist auch das eine Überlegung, die sich Kritikerinnen und Kritiker durch den Kopf gehen lassen sollten. In Zeiten, in denen der Renteneintritt immer weiter nach hinten geschoben wird und die Ausgaben für das Gesundheitssystem bei höheren Lebenserwartungen immer kostspieliger werden, kann eine verminderte Arbeitszeit einige Probleme lösen. Ich wage zu behaupten: Weniger, aber weiterhin regelmäßige Arbeit fördert die Gesundheit der Menschen bis ins hohe Alter. Die Wechselwirkung einer Aufgabe und damit verbunden die Förderung von Körper und Geist hält uns fit. Arbeiten bis 70 oder 80 kommt sowieso. Machen wir uns nichts vor. Aber es muss auch zumutbar sein!

Erfolgreicher im Job: Diese Apps helfen bei der Karriere Quelle: Mockuphone
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Dein t3n-Team

Lasse Rheingans

Lieber Andreas, vielen Dank für diesen Rundumschlag, den ich einmal gerne hiermit genau so unterschreiben möchte. Und Deine Gedanken (und auch die Studien) kommen mir sehr bekannt vor 5-Stunden Tage möchte ich ebenfalls bewerben.

Antworten
Oliver

„4-Tage-Woche mit 40 Stunden ist Quatsch!“
Da gebe ich dem Autor Recht. Damit wäre der Erholungseffekt über das lange Wochenende auch gleich wieder dahin.

Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass eine „echte Vier-Tage-Woche, oder, noch besser, einfach einen Fünf-Stunden-Tag“ langfristig etwas an der Produktivität oder Motivation ändern wird. Genau wie an eine Gehaltserhöhung, gewöhnt man sich sehr schnell an die die verkürzte Arbeitszeit. Wer sich schon vorher vor seiner Arbeit „gedrückt“ hat, wird das auch hinterher tun. Vielleicht nicht in den ersten Monaten oder dem ersten Jahr aber mittelfristig ganz bestimmt (… und genau da hören die ganze interessanten Studien auf; ob hier Island als Ausnahme als leuchtendes Beispiel für alle anderen Länder herhalten kann, wage ich zusätzlich zu bezweifeln). Hier geht es m.E. in erster Linie um den Spaß an der Arbeit und der Arbeitsatmosphäre. Wenn die stimmen, dann beschwert sich auch keiner, der 40 Stunden an 5 Tagen leistet. Demnach ist es ein hochgradig individuelles Empfinden, ob einem 4 oder 5 Tage besser liegen.

Antworten
Petric

Nicht wenige „Unternehmende“
Ich weiß das Thema ist ein heißes Eisen und ich will hier auch keine Diskussion starten, aber wow… =D

Wie dem auch sei, zum Artikel: Ich finde es ehrlich gesagt auch nicht richtig immer nur auf die Arbeitszeit zu schauen, für jedes Unternehmen ist im Prinzip der Output wichtig und nicht die Arbeitszeit an sich. Ich meine was hat ein Unternehmen davon wenn die Mitarbeiter massig an Stunden arbeiten, der Output aber derselbe ist? Arbeitszeit ist nur der Mittel zum Zweck, bekommt aber teilweise einen Höheren Stellenwert als der Zwecks selbst.
Ich hoffe das durch Home Office dieser Trend etwas abflaut und wieder mehr auf das Ergebnis als auf die reine Zeit geschaut wird.

Antworten
Mates

Ich finde es gut!!!

Es ist doch keine Pflicht oder habe ich da etwas falsch verstanden? Auch wenn es viel Kritik gibt und auch hier alle das nicht gut finden, muss jeder so denken wie ihr?

Menschen sind alle komplett verschieden. Es gibt Menschen die gerne früh aufstehen und dann arbeiten und andere sind nachts produktiver. Gut, die Masse ist wahrscheinlich bei weniger Stunden produktiv, aber halt nicht alle.

Was macht Belgien jetzt also so falsch? Eigentlich schafft es doch nur eine gesetzliche Grundlage. Nun sind die Gewerkschaften und ähnliches am Zug, die haben nun dafür zu sorgen, dass Menschen die keine 10 Stunden am Tag arbeiten wollen, dieses auch nicht müssen.

Aber ansonsten? Nicht immer nur an sich selbst denken! Anderen könnte es gefallen, andere könnten gerade dadurch auch sehr produktiv werden, wenn sie nach einem verlängerten Wochenende zurück sind.

Deshalb gut, ein Schritt in die Richtung, Arbeit flexibler zu gestalten.

Schaut euch unser bescheuertes Land an. Karstadt/Kaufhof-Filialen werden geschlossen. Mitleid für die Angestellten. Innenstädte sterben aus. Aber keine verkaufsoffenen Sonntage. Warum? Kirche dagegen. Aber mehr als 50% der Bevölkerung gehören keiner Kirche an. Gewerkschaften dagegen, aber warum? Lieber noch mehr Geschäfte schließen, noch mehr ohne Job? Ist eine Gewerkschaft nur dazu gut? Sollte die nicht ja zu Sonntagen sagen und das fair zu fairer Entlohnung regeln?
Ach ne, wir sind ja noch im letzten Jahrhundert und es gibt kein Internet und die Kirche setzt sich dafür ein, dass das Internet Sonntags ausfällt.

War nur ein Beispiel, aber auch so ist es mit dem Prinzip in Belgien. Es ist keine Pflicht, es ist ein Angebot welches legal ist und was Arbeitgeber und Arbeitnehmer daraus machen ist alleine deren Ding.
Aber eine Möglichkeit schlecht finden nur weil es einem persönlich nicht passt? Das ist daneben!

Antworten
Oliver

Sehe ich genauso!
Belgien wagt einen mutigen Schritt. Den würde ich hier von der Politik nicht erwarten.
Vermutlich ist es auch nur der erste und es werden weitere folgen. Es ist auch nicht alles in Stein gemeißelt und man wird vermutlich an der einen oder anderen Stelle nachschärfen müssen. Aber die Richtung ist eindeutig die richtige. Es muss auch bedacht werden, dass hier mehrere Akteure unter einen Hut gebracht werden müssen. Die Arbeitnehmer, die Arbeitgeber, Gewerkschaften und was weiß ich noch alles.
Da kann man als IT-Reporter immer leicht daher reden, als ob man die Weißheit mit Löffeln gefressen hätte. Ich würde es gerne mal erleben, wie er den Arbeitnehmern heutzutage vermitteln möchte, dass sie bis 70 oder 80 arbeiten müssen. Weniger arbeiten wollen alle, aber gleichzeitig auf etwas verzichten mitnichten.

Antworten
Niko Müller

Die meisten, die ich kenne, sind Anfang 60 schon sehr ausgelaugt, also arbeiten bis 70-80 ist Quatsch. Ich bin 62, war am Sonntag auf einem Friedhof, dort liegt schon so mancher, der jünger als ich war.

Wir könnten es so machen, wie die Österreicher, alle zahlen in einer Rentenkasse, von der Raumpflegerin bis hin zum Präsidenten und beginnen mit einer Grundrente von 1.500,- €. In der BRD haben die Berufsstände wie Anwälte, Ärzte etc. ihren eigenen Rentenkassen. Solidarität ist etwas anderes.
Vielleicht als Anregung dieser Artikel von brandeins: https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2020/wie-wollen-wir-leben/gemeinwohl-oekonomie-der-geist-von-hoexter?utm_source=xing&utm_medium=post&utm_campaign=kollektion_bp&utm_content=artikel_hoexter&xing_share=news

Eine faire Besteuerung von Firmen wie Amazon, Ebay, Facebook, Google (Sitz in Luxemburg, Irland oder den Niederlanden) wäre ein Anfang, weiterhin eine richtige Finanztransaktionssteuer, Vermögenssteuer etc.!
Es kann doch nicht sein, dass der ganze Mittelstand sich auflöst, und die oberen Zehntausend, wie jetzt in der Corona Pandemie wieder gesehen, darum bitten mehr Steuern zahlen zu dürfen.

Antworten
Alex

In Belgien gilt keine 40 Stunden Woche. Somit ist der 10 Stunden Tag schlicht falsch. Bitte besser recherchieren bevor solche Rechnungen aufgestellt werden.

Antworten
Andreas Weck

Hallo Alex, danke dir für das Feedback. Werde ich anpassen, dass es 38 h sind und somit 9,5 h gearbeitet werden muss. Ändert an meiner Grundthese jedoch nicht wirklich etwas.

Lieben Gruß

Andreas

Antworten

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