Analyse

Facebook-Leaks: Warum ein so liberaler Konzern ein so rechtes Netzwerk produziert

„Die Community (...) ist durchschnittlich konservativer als unsere Angestellten.“ – Facebook-Chef Mark Zuckerberg per Video-Konferenz in einer Anhörung in Washington. (Foto: dpa)

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Interne Aufnahmen aus Konferenzen mit Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg wurden einem Magazin zugespielt. Sie zeigen, warum Facebook permanent in der Krise steckt – aber trotzdem immer mehr Geld verdient.

2020 ist ein hartes Jahr für Facebook: Wegen der Corona-Pandemie sind die Mitarbeiter zu Hause geblieben. Wegen Trumps Gewaltandrohungen auf dem Netzwerk gab es die größten internen Proteste in der Geschichte des Unternehmens. Und während die amerikanische Bevölkerung so gespalten ist wie selten zuvor, stehen im November Wahlen in den USA an – und Facebook muss gegen Manipulationsversuche vorgehen.

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Das Magazin The Verge hat aus dieser Zeit 16 Tonaufnahmen von internen Konferenzen mit Mark Zuckerberg und Sheryl Sandberg ausgewertet. Die Aufnahmen zeigen, wie unwohl sich einige der Facebook-Mitarbeiter mit ihrem Produkt, dem Netzwerk Facebook, fühlen – und auch, warum sich daran auf absehbare Zeit wohl nichts ändern wird.

Viele der Aufnahmen, die The Verge ausgewertet hat, stammen aus Mark Zuckerbergs wöchentlicher Q&A-Fragestunde mit den Angestellten – und sie zeigen, wie schwierig der politische Balanceakt im Unternehmen ist: Ein großer Teil der Angestellten bei Facebook vertritt liberale politische Ansichten und unterstützt beispielsweise die Black-Lives-Matter- oder die #Metoo-Bewegung. Mark Zuckerberg selbst pocht immer wieder darauf, dass Facebook politisch neutral bleiben solle. Aber Joel Kaplan, Facebooks Politik-Chef, ist Republikaner und konservativ – wie ein großer Teil der amerikanischen Facebook-Nutzer.

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In diesem Post kündigt Mark Zuckerberg im Januar 2018 an, dass Facebook mehr auf Interaktion optimieren will. Seitdem unterstützt der Algorithmus Posts mit besonders vielen Emoji-Reaktionen, Kommentaren, Likes und Shares. Seit dem Algorithmus-Update gehen auf Facebook aber vor allem die Posts viral, die Nutzer wütend machen oder verängstigen. (Screenshot: t3n)

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Im Juni 2020 hatte Donald Trump Protestierenden mit Gewalt gedroht. Obwohl das gegen Facebooks Community-Richtlinien verstieß, ließ Mark Zuckerberg den Post online.

„Was auch immer wir davon haben, nicht darauf zu reagieren – ist es das wert, dass wir klare gewalttätige Drohungen gegen Schwarze Protestierende erlauben?“, fragte ein Mitarbeiter. Mark Zuckerberg berief sich in seiner Antwort auf seine Neutralität:

„Die Community (…) ist durchschnittlich konservativer als unsere Angestellten.“

Auf eine Frage bezüglich Facebooks konservativem Politik-Chef Joel Kaplan sagte Zuckerberg: „Die Community, die wir bedienen, ist durchschnittlich ideologisch ein bisschen konservativer als unsere Angestellten. ‚Ein bisschen‘ ist vielleicht eine Untertreibung (…).“

In anderen Worten: Zuckerberg weiß, dass die meisten seiner Angestellten politisch eher links oder liberal sind – und die meisten der amerikanischen Nutzer eher rechts oder konservativ.

„Die Daten gewinnen die Diskussion.“

Was aus den Tonaufnahmen, aus denen The Verge zitiert, aber auch klar wird: Letztendlich geht es Mark Zuckerberg und Facebook nicht um liberal oder konservativ. „Die Daten gewinnen die Diskussion“ – ist ein Spruch, der innerhalb Facebooks immer wieder zitiert wird.

Aus den Aufnahmen geht laut The Verge hervor, dass die bei Weitem wichtigsten Daten bei Facebook die Engagement-Zahlen (Interaktion der Nutzer mit Posts) sind – und alles andere untergeordnet ist. Selbst die Gehaltserhöhungen und Beförderungen bei Facebook-Angestellten hängen davon ab, ob die Angestellten daran mitgewirkt haben, mehr Engagement auf die Seite zu bringen. Seit dem Frühjahr 2019 empfiehlt Facebook den NutzerInnen daher immer prominenter Gruppen – da in Facebook-Gruppen das Engagement in der Regel höher ist als beispielsweise bei Links zu journalistischen Artikeln im Newsfeed.

Das Gefährliche an Facebooks Gruppen ist: Nutzer kriegen vom Algorithmus Gruppen vorgeschlagen, die ihren Interessen entsprechen – und Gruppen, die noch einen Schritt weiter gehen. Wer beispielsweise einer vegetarischen Kochgruppe beitritt, bekommt schnell auch noch eine vegane Kochgruppe vorgeschlagen. Und das gleiche Prinzip gilt auch für politische Gruppen.

So rief eine Facebook-Gruppe mit 3.000 Mitgliedern in der Stadt Kenosha „zu den Waffen“. Bei Protesten am Abend des selben Tages wurden zwei Menschen erschossen.

Aber nicht nur Facebooks Gruppen emotionalisieren die NutzerInnen und sorgen so für mehr Engagement. Ein Bericht des Social-Media-Recherche-Unternehmens Newswhip zeigt: Schon Seit Anfang 2018 optimiert Facebook mit dem Engagement-Fokus vor allem auf die Reaktion „Wut“. Im englischsprachigen Facebook erreichen Posts, die Wut oder Angst auslösen und über die Nutzer streiten, die bei Weitem die meisten Menschen.

Trotz allem – oder vielleicht gerade wegen der aufgeheizten Stimmung – konnte Facebook auch diesen Sommer wieder Nutzungsrekorde (plus 14 Prozent) und Umsatzrekorde (plus 11 Prozent) vermelden.

WissenschaftlerInnen gewährt Facebook in der Regel keinen Einblick in die Daten der über zwei Milliarden Nutzer. Ob Facebook nur von der Spaltung profitiert, oder diese auch vorantreibt, kann daher mit Sicherheit nur der Konzern selbst sagen. Bisher wurde dazu aber noch kein internes Q&A-Statement von Mark Zuckerberg geleakt.

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15 Kommentare
Kantenhuber
Kantenhuber

Das ist wie auf dem Fußballplatz: die Anhänger der jeweils spielenden Clubs „feuern“ ihren Verein an bis zur Besinnungslosigkeit. Auch mit Überschreitung aller anerkannten Regeln des Anstandes und der Fairness: nur das Ergebnis zählt.

Und genau mit diesem Status wird fb schlicht nicht fertig.
Solange der Algorithmus Appetenz der jeweiligen Nutzergruppen noch besinnungslos befeuert, in der abwegigen Hoffnung, daraus auch kommerziellen Profit zu schlagen, wird das so weiter gehen.

Bis die Stimmung eines nicht mehr fernen Tages umschlägt und fb als DAS ÜBEL der modernen Welt identifiziert wird, oder schlicht ein anderes Tool auftaucht, das diesen krassen Bohei, den fb produziert, aufhebt. Dann mutiert fb zu einer rechten Plattform für Abseitigheimer, die nichts mehr mit dem „wahren Leben“ zu tun hat und ähnlich seltsame Blüten produziert, wie heute das Darknet.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit.

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herlich kristian
herlich kristian

Aber wie sollen die sich davor schützen? Man kann ja nicht alle Nutzer sperren

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osuh
osuh

prodziert auch linke und abtreibungsnetzwerke, warum wird darüber nicht berichtet? sehr willkürliche berichterstattung mit scheuklappen..

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Sebastian Köhler
Sebastian Köhler

Linke töten nicht und rufen auch nicht dazu auf… Die Gefahr für liberale Gesellschaften ist eindeutig rechts!

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Christian
Christian

Das ist schlicht falsch.
Insb. in der derzeitigen Situation in den USA, aber auch hierzulande, ist es besonders Antifa, die nicht nur äußert gewaltbereit sondern auch gewaltätig ist. Antifa hat schon Leute umgebracht, die nur eine andere politische Meinung hatten. Oder eben Leuten mit Gewalt gedroht, die nur zufällig auf dem selben Foto eines politischen Gegners auftauchen (z.B. Jack Murphy).
Oder konkret: Jessica Doty Whitaker wurde polizeilicher Information nach wohl von BLM-Aktivisten getötet, weil sie in einer Diskussion mit ihnen „All lives matter“ gesagt haben soll. Das ist einfach nur krank.

Extremismus war und ist IMMER eine Gefahr liberaler Gesellschaften, Links oder Rechts spielt da keine Rolle!

Peter
Peter

Also diese Aussage ist extrem falsch. Allein in Deutschland gibt es seit Jahren massive Gewalt von Links, siehe Antifa, EndeGelände und viele mehr. Das ist im Ausland nicht anders. Die Schieflage der öffentlichen Meinung kommt einzig aus der einseitigen Berichterstattung der in der Mehrheit linken Journaille. Und ncith vergessen: Im Kielwasser von Links schwimmt die gewollte , importierte Kriminalität, die aber statistisch nicht subsummiert wird

Wissender
Wissender

Wo lebst Du denn? Grins, Null Ahnung, die wahren Faschisten sind Anti-Fa usw…..

Patriks Welt
Patriks Welt

dem kann ich nur zustimmen , die deutschen Medien sind auf dem linken Auge fast ausnahmslos blind.
Die FFF Hüpfer und ihre Vortänzer verstehen einfach nicht, dass ein größerer anteil an Konservatismus die treibende und tragende Kraft ist. auch für Änderugnen die vosichtig erfolgen müssen um das Gleichgewicht nicht zu zerstören. Was bei uns gerade geschieht.

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DirkKöln
DirkKöln

Weil diejenigen ,die abtreiben wollen selten öffentlich sichtbar sein wollen.
Und Linke sich nicht über Face-Spy.Book organisieren.

Ansonsten sind radikalisierte Linke auch gewaltbereit,aber relativ zu den radikalisierten Rechten sehr wenige.
Ausserdem werden Unschuldige Rechte seltener Opfer von Gewalt.
Diese gleichzusetzen das ist als würde man Vergewaltiger*Innen schreiben,nur weil es 2 Fälle gibt in denen Frauen vergewaltigen
und „nur“ 99998 Männer.

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Peter Wagner
Peter Wagner

Ihr habt da vielleicht ein paar Journalistenschuleabsolventen in die Redaktion gelassen, die eigentlich gerne zu so etwas wie Bento gewollt hätten. So eine Agendaschreibe ist eurer Positionierung als Tech-Business-Magazin nicht dienlich und verwässert das Angebot. Heise und Co hatten damit auch zu kämpfen, rudern offensichtlich zurück und schicken machen Redakteure zurück in ihre Twitter.

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Udo

Eines Tages wird der Facebook-Preis den Nobel-Preis verdrängen.

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Kapazunder
Kapazunder

Vielen Dank für diesen Artikel. Ich bin froh, dass ich bei FB kein Account habe. Ich heutigen Zeiten ist es mit aktuellen modernen Technologien sehr einfach „in Kontakt“ zu bleiben – auch ohne FB und WhatsApp.
Finde es sehr schade, dass es so wenige Medien gibt, die Aufklärungsarbeit leisten und Alternativen zu US-amerikanischen Portalen aufzeigen.
Teilweise bekommt man auch den Eindruck, die Weiterbildung unserer „IT-Fachleute“ bestünde nur aus Werbeveranstaltungen von Microsoft, Facebook, Amazon und Google (GAFAM).
Bleibt neutral, wissbegierig und schaut des öfteren mal über den Tellerrand hinaus – die IT-Welt ist bunt, offen, ideenreich und verdammt vielfältig!

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Patrick Rabe
Patrick Rabe

Also, ich finde, man kann sich nicht andauernd über Hacking und das Verletzten von Privatshären beschweren, und dann interne Konferenzsachen von Mark Zuckerberg „auswerten“… Irgendwie hackt es doch bei euch, oder? Und ich meine damit das deutsche Wort und den Umgangsslang von „Hacken“. Kennt ihr alle nicht die Sache mit dem zurückkehrenden Bumerang? Ich glaube, die größte Krankheit der Gesellschaft ist es, immer allen Leuten unlautere Motive zu unterstellen, egal, ob das in Deutschland, Amerika oder sonstwo passiert. Warum zum T… zweifelt ihr daran, was Mark Zuckerberg selber auf Facebook zu seinem Netzwerk schreibt (am 11. Januar 2018). Verschwöring the Verschwörer, sag ich dazu nur.

Liebe Grüße von Patrick Rabe
(Der Name ist echt. So heiß ich wirklich…)

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Peter
Peter

„So rief eine Facebook-Gruppe mit 3.000 Mitgliedern in der Stadt Kenosha „zu den Waffen“. Bei Protesten am Abend des selben Tages wurden zwei Menschen erschossen.“

Und jetzt erzähl mir mal einer (in Anbetracht der Sätze vor dem Zitat) wo die Kausalität ist ??! Das ist wieder so ein Artikel von jemanden, der mit aller Macht seine eigene Meinung durchdrücken will, und suggeriert einen Zusammenhang zwischen Algorhythmen und kriminellen Individuen.

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DC
DC

Vor allem wird hier schön verschwiegen, warum gegen „Protestierende“ „zu den Waffen“ gerufen wird: Weil es sich häufig nicht um „Protestierende“, sondern um Aufständische handelt, die Geschäfte plündern und abfackeln. Gibt genug weiße und schwarze Ladenbesitzer – kleine Mittelständler – die jetzt vor dem ausgebrannten Nichts stehen. Da die Polizei nicht imstande ist überall zur selben Zeit zu sein, greifen diese Ladenbesitzer dann irgendwann zur Waffe und rufen auch ihre Nachbarn dazu auf.

Und auch auf die Gefahr hin, jetzt als Verschwörungstheoretiker, Neurechter, Altrechter, alt-right oder was auch immer verschrien zu werden: BLM ist einfach nur das Spiegelbild der Identitären Bewegung. Nach außen hin gibt man sich ehrbar (Menschenrechtsbewegung/ Heimatverein), aber die Anführer sind totalitäre Antidemokraten: https://fee.org/articles/is-black-lives-matter-marxist-no-and-yes/

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