Analyse

Faszinierendes Hirn-Implantat oder Lobotomie 2.0? Elon Musk stellt Neuralink vor

HIrn-Computer-Schnittstelle Neuralink V0.9 (Foto: Neuralink)

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Auf einem live auf Youtube übertragenen Event hat Elon Musk die erste funktionierende Version von Neuralink vorgestellt. Das Hirnimplantat soll zunächst Querschnittsgelähmten helfen, aber irgendwann auch die Symbiose zwischen Mensch und KI einleiten.

Am Ende des Live-Events erzählten mehrere Neuralink-Beschäftigte, welche Hoffnungen sie mit dem Hirnimplantat verbinden. In diesem Moment schien Science-Fiction zum Greifen nahe. Erinnerungen sollen direkt aus dem Gehirn gespeichert und dort wieder abgespielt werden. Elon Musk selbst kramte seine bereits bekannten Vorstellungen hervor, wonach der Mensch mittels Gehirnimplantat eine Symbiose mit einer kommenden künstlichen Super-Intelligenz eingehen solle. Und überhaupt die ganze Menschheit mit Milliarden zusammengeschalteter Neuralinks kollektiv ihren Willen zum Ausdruck bringen werde. An der Stelle fragte man sich als Zuschauer, wann eigentlich die zunächst durchaus sachliche Präsentation eines Hirnimplantates falsch abgebogen war.

Doch der Reihe nach: Was ist und kann Neuralink? Es handelt sich um ein Gehirnimplantat, das etwa 23 Millimeter groß und 8 Millimeter dick ist und ein entsprechendes Stück Schädelknochen ersetzt. An der Unterseite des Implantates befinden sich 1.024 äußerst feine Elektroden, die mit dem darunterliegenden Hirngewebe verbunden sind und dort elektrische Potenziale auslesen oder selber das Gehirn mit leichten elektrischen Impulsen stimulieren können.

Bisher nur an Schweinen getestet

An sich ist diese Technik nicht neu. Es gab in der Vergangenheit bereits mehrere experimentelle Hirnimplantate zum Auslesen von Hirnsignalen, mit denen vollständig gelähmte Probanden beispielsweise einen Roboter-Arm bewegen konnten. Wenn sie sich die Bewegung vorstellten, konnte ein Machine-Learning-System die so gemessenen Hirnströme in Bewegungen des Roboter-Armes umsetzen.

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Während solche Experimente in Labors stattfinden und meist eine offene Wunde mit entsprechender Infektionsgefahr bedeuten, ist die tiefe Hirnstimulation seit Jahrzehnten klinischer Alltag. Hierbei werden Patienten feine Elektroden ins Gehirn eingesetzt, die bestimmte Hirngebiete relativ grob elektrisch stimulieren, wodurch sich etwa die Symptome der Parkinson-Erkrankung für einige Jahre unterdrücken lassen.

Ähnlich wie es schon vor Tesla batteriebetriebene Autos gab und vor SpaceX Weltraumfahrt, ist Neuralink also keine neue Erfindung sondern die Optimierung bereits vorhandener Technik und ihre Markteinführung. Davon ist die aktuelle Version 0.9 des Neuralink-Implantates noch weit entfernt, wurde sie bisher doch nur im Tierversuch an Schweinen getestet. Vorgeführt wurde ein Schwein, dessen gemessene Hirnströme in Echtzeit auf eine Leinwand projiziert wurden.

Zielgruppe zunächst Querschnittsgelähmte

Per Video wurde außerdem gezeigt, wie ein Computersystem gelernt hat, die Position der Beine beim Laufen anhand der gemessenen Hirnströme vorherzusagen. Ein weiteres Schwein wurde gezeigt, dessen Implantat wieder entfernt wurde, um zu belegen, dass das Implantat keine Schäden hinterlässt, wenn man es wieder explantiert. Überdeutlich wurde mehrfach darauf hingewiesen, wie gut es den Schweinen gehe.

Zunächst soll diese Technik vor allem Menschen mit Querschnittslähmung helfen, um kraft ihrer Gedanken Computer, Telefone oder andere Hilfsmittel zu bedienen. Für jemanden wie den verstorbenen Physiker Stephen Hawking hätte Neuralink vermutlich eine großartige Hilfe darstellen können. Allerdings schreitet die Entwicklung von Machine-Learning-Systemen so schnell voran, dass für viele dieser Aufgaben absehbar keine Implantate nötig sein werden. Bereits heute gibt es Rollstühle, die mit Hirnaktivitätsmustern gesteuert werden können, die von außerhalb des Schädels gemessen werden.

Technisch gesehen ist Neuralink dennoch sehr beeindruckend. Ein Array aus 1.024 Elektroden, die wahlweise „lesend“ und „schreibend“ aufs entsprechende Hirnareal zugreifen können, gab es in der Form zuvor nicht. Bisherige grobe Implantate hatten das Problem, dass sich um sie herum Einkapselungen und Narben im Gehirn bildeten, sodass die Elektroden mit der Zeit immer schlechter funktionierten.

Die beim Neuralink verwendeten Elektroden sind so fein, dass dieser Effekt nicht auftreten soll und außerdem Blutungen während der Operation vermieden werden. Die Operation selbst soll nur etwa eine Stunde dauern, weitgehend automatisiert von einem Roboter durchgeführt werden und kann als minimal-invasiv bezeichnet werden. All dies sind große technologische Durchbrüche, die mit Sicherheit die Implantationsmedizin umkrempeln könnten.

Der Rest ist weniger futuristisch und auch von anderen Prothesen und Implantaten bekannt: Der Akku wird kontaktlos per Induktion mit einem entsprechend am Kopf zu befestigenden Ladegerät über Nacht geladen. Verbindung zur Außenwelt in Form eines Smartphones mit passender App nimmt das Implantat per Bluetooth Low Energy auf.

Wie schnell ist die Datenübertragung?

Spannender als die eigentliche Präsentation war die anschließende Fragerunde mit Neuralink-Mitarbeitern. Etwas irritierend waren die fast schon ausweichenden Antworten auf die Frage nach der Sicherheit eines solchen Implantates. Der entsprechende Neuralink-Mitarbeiter hob hervor, dass das Implantat auf allen Ebenen völlig neu entwickelt werde und daher Sicherheitsaspekte ebenfalls auf allen Ebenen schon beim Design berücksichtigt werden könnten. Wirklich beruhigend ist diese Aussage allerdings nicht angesichts der Erfahrung, dass nichts auf Dauer wirklich ungehackt bleibt und es keine besonders gute Idee ist, ausgerechnet ein Hirnimplantat per Smartphone ans Internet anzuschließen.

Die Publikumsfrage nach der Geschwindigkeit, mit der die Daten übertragen werden können, machte das Missverständnis deutlich, das viele bei einem Implantat wie Neuralink haben. Auch wenn es sich um eine Schnittstelle handelt, werden dort keine Bits und Bytes ins Gehirn geladen wie bei einer Speicherkarte. Es hilft vielleicht, sich das Implantat wie eine Soundkarte vorzustellen, die Klänge digitalisiert, deren Bitrate nichts darüber aussagt, wie viel Information in diesen Klängen enthalten sind.

An der Grenze zwischen Realität und Science-Fiction

In der Fragerunde tauchten immer wieder Anwendungen für Neuralink auf, die auf der Grenze zwischen Realität und Science-Fiction schillern. Sicher ist, dass sich per Mustererkennung allerlei Gegenstände mit „Gedankenkraft“ werden steuern lassen. Des Weiteren ist es per Hirnstimulation möglich, die Symptome mancher Krankheiten zu beseitigen oder zu unterdrücken.

Dass per elektrischer Stimulation des visuellen Kortex Seheindrücke im Gehirn entstehen, wurde bereits vor rund 20 Jahren gezeigt. Der blinde Ingenieur Jens Naumann konnte mit seiner Seh-Prothese, deren Fotochip auf einer Brille montiert war, sogar auf dem Hof Auto fahren. Gesprochene Sprache auszulesen und hörbar zu machen, hat ebenfalls im Experiment schon funktioniert.

Das bedeutet auch, dass nicht-medizinische Visionen, audiovisuelle Signale direkt ins Gehirn einzuspeisen, in naher bis mittlerer Zukunft Realität werden könnten. Damit wäre eine Art inneres Display möglich, auf dem sich Filme abspielen lassen. Audio-Streaming wäre zumindest theoretisch denkbar. Der Sehsinn könnte in Richtung Ultraviolett oder Infrarot aufgebohrt werden. Neuralink könnte sogar zur Gaming-Schnittstelle werden. Ob solche Visionen wahr werden, hängt davon ab, ob die Technik irgendwann sicher, einfach und preiswert genug sein wird, dass auch Menschen ohne medizinische Not sich für den Eingriff entscheiden. Und wenn geklärt ist, was Ethikkommissionen, Gesetzgeber und Gesellschaft von solchen Eingriffen halten.

Als Grenzfall zwischen Realität und Fantastik ist die Idee zu betrachten, Erinnerungen aufzuzeichnen und wieder abzuspielen. Dies scheint tatsächlich schon 2011 gelungen zu sein, als per Implantat Hirnwellenmuster aus dem Hippocampus einer Ratte ausgelesen wurde. Nachdem wiederum der Hippocampus einer anderen Ratte mit exakt diesem Signal stimuliert wurde, zeigte diese Ratte Fähigkeiten, die sie nicht hätte haben dürfen, etwa mit welchem Trick sie an Futter herankommt.

Erinnerungen speichern und abspielen

Das klingt, als könnte man wirklich eines Tages Erinnerungen speichern und abspielen. Allerdings ist es nicht möglich, diese Erinnerungen zu dekodieren. Niemand weiß, was da eigentlich inhaltlich an Information von der einen Ratte zur anderen übertragen wurde. Und das wird sich auf absehbare Zeit auch nicht ändern, da zwar die elektrische Aktivität im Gehirn gemessen und wiedergegeben werden kann, es allerdings weiterhin unverstanden ist, was diese Signale, die sich die Neuronen untereinander schicken, eigentlich bedeuten.

Voraussetzung dafür, ein solches Erinnerungs-Experiment am Menschen durchzuführen, wäre ein Implantat, das sehr tief ins Innere des Gehirns eingesetzt werden muss. Neuralink plant nach eigenen Angaben bis auf weiteres nur Implantate an der Oberfläche des Gehirns, da tiefere Eingriffe mit einer Reihe von Problemen verbunden seien.

Wie Wissenschaft nahtlos in Religion übergehen kann

Völlig jenseits jeder in naher und mittlerer Zukunft greifbaren Realität sind die Vorstellungen eines Brain-Uploades und die Möglichkeit, den Gehirn-Inhalt dann beispielsweise in einen Roboter zu überspielen, von denen Elon Musk in der Fragerunde sprach. Dasselbe gilt für Vorstellungen, in der ganzen Breite des Denkens und Fühlens ohne Worte zu kommunizieren, einfach, indem Menschen ihre Gehirn-Inhalte von Neuralink zu Neuralink austauschen. Solche Anwendungen liegen weit jenseits dessen, was mit einem Implantat dieser Art technisch möglich ist, selbst wenn es noch wesentlich verkleinert, optimiert und in viele Hirnregionen gleichzeitig eingesetzt wird.

Auch wenn zahlreiche Transhumanisten da sehr widersprechen dürften, gehören solche Ideen einer Verschmelzung mit einer gottgleichen Superintelligenz eher ins Gebiet der Religionen. Und das war dann auch spätestens der Moment, an dem ein eigentlich sehr spannendes Event über eine brillante technische Neuerung den schalen Beigeschmack einer Art TV-Predigt bekam, in der die Blinden wieder sehen und die Lahmen wieder gehen können. Zwei Versprechen allerdings, die Neuralink wahrscheinlich teilweise wird halten können.

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4 Kommentare
Marvin
Marvin

Wer nicht drei Schritte weiter schaut, kann auch nicht drei Schritte weiter als andere ankommen. Denkbarrieren oder Reframing von offenem Brainstorming in religiösen Kontext helfen da weniger. Insofern zeigt der letzte Absatz mehr über den Autor, als über Elon Musk.

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Mike
Mike

In diesem Zusammenhang empfehle ich fas Buch „Das Galdiano-Experiment“ von Tobert Ludlum.

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Thomas
Thomas

Oder Andreas Eschbachs „Out“-Trilogie (Black Out, Hide Out & Time Out), die dieses Thema sehr schön vorweg genommen hat. Hoffentlich kommt es nicht so, wie es sich Herr Musk so vorstellt…

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Heinz-Peter HIPPLER
Heinz-Peter HIPPLER

Keine Frage des OB sondern nur des WANN.

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