Kommentar

Wie ich lernen musste, aus dem Homeoffice zu arbeiten

(Foto: Shutterstock)

Homeoffice ist für viele wohl die Wunschvorstellung von selbstbestimmtem Arbeiten. Für mich war es eine ungeahnte Herausforderung. Ein Erfahrungsbericht.

Mein Vater rennt seit über 30 Jahren tagtäglich ins Büro. So etwas wie Homeoffice kennen seine Chefs vermutlich nicht mal. Wenn er früher mit Aktentasche unter dem Arm nach mindestens acht Stunden Arbeit erschöpft nach Hause kam und sich seiner schicken Lederschuhe und des Hemds entledigte, war mir eins klar: Egal, was ich später mal für einen Beruf ausüben werde, so ein Bürohengst will ich auf gar keinen Fall sein. Die Vorstellung, jeden Morgen ins Büro zu fahren und vor einem Computerbildschirm zu sitzen, gefiel meinem 14-jährigen Ich absolut nicht.

Etwas mehr als zehn Jahre später mache ich genau das. Ich fahre jeden Morgen ins Büro und sitze vor einem Computerbildschirm. Allerdings habe ich die Gewissheit, dass ich jederzeit nach Hause gehen könnte, ohne dass das meiner Arbeitsweise oder Produktivität schaden würde. Das dachte ich zumindest.

Ich gehöre zu den Glücklichen, die ihren Job eigentlich immer und von überall aus ausüben können. Alles, was ich als Redakteur benötige, ist mein Kopf und etwas, wo ich meine Gedanken und Formulierungen aufschreiben kann. Hier reichen theoretisch ein Stift und ein Blatt Papier. Gearbeitet habe ich dennoch meistens im Büro.

Aufgrund des Ausbruchs des Coronavirus sind auch wir dazu angehalten, zu Hause zu bleiben und im Homeoffice zu arbeiten. An sich eine absolut richtige und logische Entscheidung, die mich jedoch vor größere Herausforderungen stellte, als ich dachte.

Von Jogginghosen und Nudeln ohne Soße

Laut einer zweijährigen Studie der Stanford Universität steigt die Produktivität der Mitarbeiter im Homeoffice signifikant. Die ersten Tage war bei mir von dieser Ansicht nicht der Hauch zu spüren. Ich saß mit Jogginghose und Macbook auf dem Sofa unserer Berufstätigen-WG und erfreute mich an einem WG-typisch üppigen Frühstücksbuffet, das aus der Wahl zwischen Nudeln mit Olivenöl oder Nudeln mit im letzten Jahr abgelaufenem Curryketchup bestand. Ich entschied mich für Ersteres. Und dann saß ich da, morgens um halb elf auf meinem WG-Sofa mit einem Topf in Olivenöl getränkter Nudeln auf dem Schoß und fühlte mich an meine Studentenzeit erinnert.

So richtig produktiv war ich auch nach der Nudelodyssee nicht. Das lag primär daran, dass ich Rückenschmerzen hatte, da meinem Körper die gebückte Haltung zwischen Sofa und Couchtisch langsam missfiel. Ein Standortwechsel könnte da Abhilfe schaffen. Es gab zwei Optionen. Küchentisch? Die Stühle waren auf Dauer zu unbequem. Bett? Das erschien mir auf Dauer als zu bequem, dass ich hätte vernünftig arbeiten können. Ich quälte mich also den Rest des Tages auf dem Sofa, mal sitzend, mal liegend, mal mit dem Macbook auf dem Tisch, mal auf dem Schoß. So richtig gut gefallen hat mir das alles aber nicht. Als ich mich endlich in den Feierabend gewälzt hatte, graute es mir schon vor den nächsten Homeoffice-Tagen. Das war also dieses Homeoffice, von dem immer alle schwärmten. Ich war nicht überzeugt.

Alles Gewohnheitssache

Zum Glück leben wir im Zeitalter des Internets. Und das Internet ist voll von Tipps zum Thema Homeoffice. Manche durchaus hilfreich, andere weniger. Oft war allerdings die Rede von einem vernünftigen Homeoffice-Setup. Egal ob ein eigener Raum zum Arbeiten, ein Schreibtisch oder nur ein gut aufgeräumter Küchentisch. All das kann die Produktivität schon deutlich steigern, hieß es. Ein bisschen Büroatmosphäre für die eigenen vier Wände also. Ich nahm mir ein paar der Tipps zu Herzen.

Mittlerweile sitze ich am Küchentisch, auf einem Bürostuhl, den ich im Keller gefunden habe. Mein Ladekabel ist aufgrund von mangelndem Steckdosenvorkommen in Tischnähe quer durch die Küche gespannt. Sieht noch nicht optimal aus, fühlt sich aber schon deutlich besser an. Dieses provisorische Setup habe ich beibehalten und auch die Jogginghose habe ich schon längst gegen etwas Ausgehwürdiges getauscht.

Auf die oft gepredigte wichtige soziale Interaktion während der Arbeitszeit muss ich auch nicht verzichten. Über Nacht wurde ich zum Postbeauftragten meines Mehrfamilienhauses. Bei Hermes, DHL und Co. hat sich wohl schon herumgesprochen, dass der junge Mann aus dem dritten Stock nur noch zu Hause rumhängt und Pakete jeglicher Form und Größe wohlwollend entgegennimmt.

Der Büromensch, der ich nie sein wollte

Und siehe da, allein durch ein paar kleine Veränderungen schießt die Produktivität spürbar von Tag zu Tag nach oben. Ich fange an, mich an das Arbeiten im Homeoffice zu gewöhnen. Optimierungsbedarf besteht natürlich weiterhin, aber langsam kann ich besser nachvollziehen, warum viele Kollegen und Kolleginnen so vom Arbeiten zu Hause schwärmen. Ich habe das Gefühl, dass ich gar nicht genau wusste, wie man richtig im Homeoffice arbeitet – ich musste Homeoffice erst lernen.

Es gibt viele Faktoren, die das Arbeiten im Homeoffice beeinflussen. Die wichtigsten, an denen ich arbeiten musste, waren der Arbeitsplatz, die Arbeitszeit, das Outfit und das Drumherum. Die Arbeitsplatzsituation habe ich ja bereits ausführlich beschrieben. Ich hätte nicht gedacht, dass es meine Produktivität und Motivation so sehr beeinflusst, wo und vor allem wie ich sitze. Das Thema Arbeitszeiten hatte ich am schnellsten im Griff. Um erfolgreich in den Homeofficetag zu starten, habe ich aufgehört, die halbe Stunde länger zu schlafen, die ich sonst mit dem Fahren ins Büro verbringe, sondern stehe zur gleichen Uhrzeit auf, wie ich es sonst auch tun würde.

Hier können wir auch direkt auf den Punkt Outfit eingehen. Von Jogginghose und Mütze (außer Freitags, aber da ist das okay) habe ich mich verabschiedet, was mir schon deutlich mehr das Gefühl gibt, etwas Wichtiges vorzuhaben. Bei dem Drumherum geht es vor allem darum, was um einen herum passiert. Es gibt unglaublich viele Dinge, die einen im Homeoffice ablenken können. Ich musste mich selbst dazu verpflichten, Wäschewaschen, Geschirrspülen, Aufräumen oder private Telefonate in die Pause oder den Feierabend zu verschieben. Da dieses „Ich mach das mal fix nebenbei“ doch deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt, als ich dachte. Auch wenn dafür die Playstation in der Mittagspause aus bleiben muss.

Eine weitere für mich erstaunliche Erkenntnis haben mir die Homeoffice-Tage außerdem gebracht: Ich vermisse meinen Schreibtisch und meinen zweiten Bildschirm. Ich vermisse meine externe Tastatur und den Austausch mit den Kollegen und Kolleginnen. Und auch wenn Havard-Studien behaupten, dass Großraumbüros der Kommunikation innerhalb des Teams schaden, vermisse ich auch dieses turnhallenartige Gebäude. Ja, ich vermisse selbst das morgendliche Fahren mit der Straßenbahn.  Einfach weil sich das für mich mehr nach Alltag anfühlt, als fünf Meter zwischen Bett und Arbeitsplatz zurückzulegen. Scheinbar bin ich genau der Büromensch geworden, der ich nie sein wollte. Schlimm finde ich das nicht.

Zum Weiterlesen:

Hinweis in eigener Sache: In diesem Guide erklären wir, wie die Heimarbeit am besten funktioniert und worauf es für alle Beteiligten zu achten gilt. Wir geben dir Tools an die Hand, die Videokonferenzen möglich machen, und erklären, wie Arbeitsschritte für alle nachvollziehend dokumentiert werden können. Wir geben Workflows-Tipps und verraten die wichtigsten Verhaltensregeln? Hier entlang: Kostenloser Homeoffice-Guide: Produktiv daheim arbeiten!
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2 Kommentare
Tobias
Tobias

Und jetzt stellen wir uns mal vor, Du hättest keinen Single-Haushalt (liest sich zumindest so), sondern Frau und Kind, wobei die Frau auch von zu Hause aus arbeitet. Ihr habt natürlich beide Abhängigkeiten mit Euren Kollegen – mehr oder weniger zeitgleich. Und natürlich gibt’s eine entsprechende Erwartungshaltung des Arbeitgebers. Dazu kommt ein Grundschulkind (gerne auch mehrere), das sich nicht mit seinen Freunden treffen kann und entsprechend nach Aufmerksamkeit der Eltern schreit.

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devzero
devzero

Den Luxus der Jogginghose lasse ich mir nicht nehmen, aber Bürostuhl und ein anständiger Tisch sind viel Wert. Neben mehreren Bildschirmen und Co. Mit Mouse without Borders oder Synergy kann man auch mehrere PCs mit einer Tastatur/Maus steuern.

Klar muss man sich beherrschen können, dass am Spiele-PC auf dem man nun arbeitet, Steam und Co zu bis zum Feierabend bleiben.

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