Analyse

Wirecard-Insolvenz: Diese Karten und Dienste sind betroffen

Karte funktioniert nicht mehr? Das kann auch Kunden passieren, die gar nicht wissen, dass sie Wirecard nutzen. (Foto: Andrey Arkusha / Shutterstock)

Die Insolvenz von Wirecard zieht weite Kreise. Jetzt stellen zahlreiche Endkunden fest, dass ihre Debit- und Kreditkarten nicht mehr funktionieren. In einigen Fällen sind sogar Girokonten eingefroren.

Die vergangene Woche dürfte als eine der denkwürdigsten in die Geschichte der deutschen Wirtschaft eingehen: ein Unternehmen, das gerettet wird (Lufthansa), eines, das in den USA eine Rekordstrafe akzeptiert (Bayer), und ein Dax-Konzern, der Insolvenz anmelden muss. Wirecard ist in der Tat das erste Dax-Unternehmen, das diesen Schritt gehen muss. Doch abseits der wirtschaftlichen Brisanz, die dieser Schritt haben wird, gibt es auch einige technische Auswirkungen, die auch die Kunden betreffen werden, die gar nicht wissen, dass sie auf irgendeine Weise mit Wirecard Geschäfte gemacht haben.

Was vielen Kunden nicht klar ist: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Zahlungsdienstleister Wirecard mit seinen zahlreichen Tochterfirmen, darunter die Wirecard Card Solutions, und die Wirecard-Bank. Letztere ist eine deutsche Vollbank im rechtlichen Sinne mit der Zielgruppe Geschäfts- und Privatkunden. Die verwaltet derzeit Einlagen in Höhe von 1,7 Milliarden Euro und ist zumindest noch nicht Teil des Insolvenzverfahrens. Sie soll vielmehr auch davor geschützt werden, in den Fall Wirecard einbezogen zu werden. Ob das gelingt, ist fraglich. Zur Wirecard-Bank gehört beispielsweise in Deutschland das vollwertige Girokonto Boon Planet, das in den letzten Monaten durch attraktive Tagesgeldzinsen von sich reden machte. Dessen Kunden dürften aller Voraussicht nach selbst im schlimmsten Fall unter die Absicherung des Bundesverbands Deutscher Banken fallen, wenn das denn überhaupt nötig werden sollte. Die schlechte Nachricht dazu: Es könnte einige Zeit dauern, entsprechende Konten abzuwickeln.

Wirecard: Der Unterschied zwischen Boon und Boon Planet

Etwas anders sieht der Fall aus für Boon (ohne Planet), einen Kreditkartendienst, der virtuelle und physische Kredit- und Debitkarten herausgibt und der beispielsweise auch für Swatch Pay in Deutschland verantwortlich ist. Diese Services gehören zur Wirecard Card Solutions Limited und sind derzeit in ihren Transaktionen ebenfalls nicht erreichbar. Das hat aber auch nichts damit zu tun, dass es sich hierbei um Wirecard selbst handeln würde. Vielmehr rührt es daher, dass die britische Finanzaufsichtsbehörde (FCA, das Gegenstück zur hiesigen Bafin) dort zunächst einmal den Stecker gezogen hat – und zwar für das gesamte E-Geld-, Kartenausgabe- und Acquiring-Geschäft. Hier dürfte aber bald wieder alles beim Alten sein, zumindest wenn nichts Weiteres passiert. Das bedeutet auch, dass die Haftungsfrage nicht bei Wirecard liegt und entsprechende andere Partner bankenseitig haften müssten, die aber derzeit ja gar nicht in Schieflage sind.

Auch die Multicard-Lösung Curve, die auf Mastercard-Basis arbeitet, war übers Wochenende vom Netz. Denn auch sie arbeitet auf technischer Basis der Wirecard Card Solutions. Doch das Startup hat übers Wochenende offenbar alle Hebel in Bewegung gesetzt, um möglichst schnell wieder für die Kunden verfügbar zu sein. Das Ausführen von Zahlungen und das gewohnte Frontend funktionieren wieder, bei Apple Pay, Google Pay und Samsung Pay sowie beim P2P-Dienst Curve Send gibt’s derzeit noch Probleme. Allerdings müssen die Kunden hier ihre App updaten und auch einige der Karten neu verifiziert und eingebunden werden. Das britische Fintech hatte bereits vor Monaten beschlossen, das Processing nicht länger via Wirecard zu erledigen, sondern eine eigene Infrastruktur aufzubauen. Die sollte dieser Tage ans Netz gehen und musste nun dank der sich überschlagenden Ereignisse zügig freigeschaltet werden.

Kontist: Wechsel zur Solarisbank steht ohnehin an

Ähnliches Glück im Unglück hatte auch das Freiberufler-Banking-Startup Kontist, das ebenfalls bereits vor Monaten beschlossen hatte, mit seinen Kartenzahlungen von Wirecard/Mastercard (in diesem Fall sogar der Wirecard-Bank, die aktuell ja nicht betroffen ist) zur Solarisbank /Visa zu wechseln, wo die restlichen Operations schon aufgehoben sind. Auch hier kann man davon ausgehen, dass dieser technische Wechsel angesichts der aktuellen Entwicklungen nicht auf die lange Bank geschoben wird.

An der britischen FCA über die Wirecard Card Solutions Limited hängt auch Mitbewerber Holvi. Bei dem finnischen Startup waren die Business-Mastercards der Wirecard auch lahmgelegt (Update: funktionieren laut Unternehmen wieder korrekt), wobei als haftende Bank ja eben nicht Wirecard fungiert. Die auf dem Zahlungskonto gehaltenen Einlagen werden zwar als getrennte Kundengelder über eine Drittbank von Holvi geführt, sind aber nicht über die Einlagensicherung geschützt.

Bei Payhawk, einem Service für Firmenkreditkarten, kommen von Wirecard Card Solutions ausgegebene Firmenkarten in Umlauf. Doch hier hat man gerade erst vor wenigen Tagen verkündet, dass man auf Visakarten in Kooperation mit Wirecard setzen will. Allzu viele Karten, die jetzt nicht funktionieren, dürfte das bulgarische Startup somit noch nicht im Einsatz haben.

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Dein t3n-Team

3 Kommentare
Roth Merlin

Bei uns geht unsere Kreditkarte fur das Holvi Konto wieder

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Tobias Weidemann

Die geht seit heute in der Tat wieder. Ich habe eine entsprechende Änderung im Artikel vorgenommen… siehe auch: https://support.holvi.com/hc/de/articles/360010592818

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Holger Lücke
Holger Lücke

Boon.Card ist auch wieder freigeschaltet

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