Interview

Ethereums Co-Gründer Joe Lubin: „Wir sind nicht daran interessiert, das Ökosystem zu kontrollieren“

Joseph Lubin, Gründer von Consensys und Co-Gründer von Ethereum auf einer Konferenz in Hamburg. (Foto: t3n)

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Das Unternehmen Consensys ist zu einem der mächtigsten Player rund um Ethereum geworden, der zweitgrößten Kryptowährung der Welt. Aber sollte es bei Blockchain nicht mal um Dezentralisierung gehen? t3n hat Joseph Lubin, Gründer von Consensys,  Co-Gründer von Ethereum über das Web3, Facebook und seinen Ether-Vorrat befragt.

Dafür, dass Joe Lubin einer der mächtigsten Männer der Ethereum-Szene ist, steht er recht unbehelligt im Forum des Hamburger Copper House. Um ihn herum wuseln die Teilnehmer einer Tech-Konferenz mit ihren Laptoptaschen über der Schulter, Badges um den Hals und Handys in der Hand. Normalerweise haben wichtige Speaker auf solchen Events wenig Zeit für sich, weil ständig jemand netzwerken, eine Idee pitchen oder ein Selfie machen will. Und Joe Lubin wäre ein sehr lohnendes Pitch-Ziel: Als einer der Gründer des Ethereum-Netzwerkes kennt er jeden, der in der Szene ein Rolle spielt. Aus der ersten Generation der Ethereum-Entwickler ist er wohl derjenige, der am besten im Geschäft ist. Während das Krypto-Wunderkind Vitalik Buterin hauptsächlich das Protokoll des Netzwerkes weiterentwickelt, hat der ehemalige Goldman-Sachs-Banker Joseph Lubin den bisher größten Blockchain-Konzern hochgezogen: Consensys.

Consensys hat ein Hauptquartier in Brooklyn, New York, aber – wie es so in der Blockchain-Szene ist – sitzen die Entwickler auf der ganzen Welt verteilt. Der Konzern ist in grob 50 Projekte aufgegliedert. Und eigentlich immer, wenn man im Bereich Blockchain recherchiert, stößt man auf eines dieser Consensys-Teams, dass schon auf dem Gebiet arbeitet. Oder zumindest ein Team, das irgendwie mit Consensys zusammenhängt. Digitale Identität? Macht Uport, von Consensys. Eine dezentrale Crypto-Börse, das macht doch Gnosis, von Consensys. Journalismus auf der Blockchain, da gibt’s auch was von Consensys, Civil. Außerhalb der Szene fallen diese Firmen kaum auf. In Blockchain sind die Consensys-Partner überall.

Ein gutes Ziel für einen Pitch wäre Joe Lubin auch nicht zuletzt, weil er als einer der größten Eigentümer der Crypto-Währung Ether gilt. Forbes schätzt sein Vermögen auf bis zu fünf Milliarden US-Dollar. Das dürfte allerdings auch stark davon abhängen, wie der Ether-Kurs gerade steht.

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Auf der Konferenz in Hamburg erkennt jedenfalls niemand Joe Lubin. Konzentriert steht er da, zwischen irgendwelchen Pappaufstellern, und schreibt E-Mails an seinem Macbook. „Hi, wir waren zum Interview verabredet …“, sage ich. „Vor 20 Minuten“, bringt Lubin den Satz zu Ende. Er wirkt etwas angespannt. Auf Bühnen tritt Lubin meist recht freundlich auf, geradezu entspannt, und sagt bedächtig kluge Dinge über Blockchain und erklärt geduldig zum x-ten Mal, was das eigentlich ist. Trotz Consensys’ Erfolg – oder vielleicht gerade deswegen – gibt es einige Spannungsfelder zwischen Ethereums größtem Konzern und der Idee einer dezentralen Wirtschaft, dezentralem Geld, und sowieso dezentralem alles: Widersprechen sich die Konzepte „dezentral“ und „Konzern“ nicht irgendwie? Sind Internetkonzerne nicht genau das, wogegen die Blockchain-Vordenker mal angetreten sind? Und wie viel von Consensys wird eigentlich von Lubins Ether-Privatvermögen finanziert, und wie viel mit tatsächlichem Umsatz?

t3n: In der Blockchain-Szene wird viel über das Web3 geredet. Es ist die Idee, das Internet nicht mehr über riesige Server und Unternehmen wie Facebook und Google zu organisieren, sondern dezentral. Was stört denn am Web2?

Joe Lubin: Effektiv sind diese Geschäftsmodelle des Web2 in control, und wie du weißt, behandeln sie uns wie ein Produkt. Sie versuchen, viele Informationen über uns herauszukriegen, sodass sie mehr für das Produkt verlangen können. Und sie haben Wege gefunden, um die evolutionären Triebe des Menschen zu nutzen, damit sie uns abhängig von ihrem System machen können, damit sie uns öfter als Produkt verkaufen können. Blockchain hingegen ermöglicht eine selbstbestimmte, souveräne Identität. Wir können unsere Identität auf Blockchain-Systeme schreiben und sie von unserer Seite des Browsers kontrollieren. Identität wird sehr wichtig werden im Web 3.

t3n: Höre ich da raus, dass du kein riesiger Fan von Facebook bist?

Nein, Facebook ist großartig. Es bringt Leute zusammen, aber es hat auch sehr unangenehme Auswirkungen, auch wenn die Leute auf Facebook keine bösen Leute sind. Die Verantwortung der Firma ist, den Profit zu maximieren, und dabei werden Leute ausgenutzt. Nicht persönlich, aber Firmen, vielleicht staatliche Akteure, nutzen das als Waffe. Es geht darum, ein Produkt zu verkaufen, egal, ob das ein paar Kopfhörer sind oder ein politischer Kandidat.

t3n: Es gibt aber noch kein Ethereum-basiertes soziales Netzwerk, oder? Wäre das nicht wichtig für ein Web3?

Es gibt einige Projekte, die sich in die Richtung bewegen, aber es ist extrem früh in der Entwicklung der Technologie. Wir bauen Tausende verschiedene Komponenten, Bausteine, Tokens, Protokolle, Börsen und Tools für Identität und Reputation. An einem Punkt in der nicht mehr so fernen Zukunft, wenn diese Systeme ausreichend skalierbar sind, werden wir in der Lage sein, ein dezentrales soziales Netzwerk zu bauen.

t3n: Aber es gibt dazu gerade kein Consensys-Projekt, oder?

Ein soziales Netzwerk nicht direkt. Aber eines von unseren wichtigsten Projekten ist Civil, eine Platform für nachhaltigen und ethischen Journalismus.

t3n: Ich habe aus Interviews gelernt, dass du Web2 Giganten eigentlich nicht magst.

Die großen Konzerne, die im Web2.0 Sandkasten sitzen, sind sie einfach zu mächtig.

t3n: Aber ist Consensys nicht die größte Firma in der Blockchain-Szene und auf dem besten Weg, im Web3 das zu werden, was Facebook und Co. im Web2 sind?

Nein, IBM und Microsoft, Accenture und Deloitte machen auch Blockchain, und die sind größer als wir.

t3n: Aber die konzentrieren sich nicht nur auf Blockchain.

Aber sie haben eine Menge Leute, die an Blockchains arbeiten. Wir sind sehr dezentralisiert in dem Sinne, dass unsere Teams viel Autonomie haben. Und wir brauchen die vielen Projekte auch, um zu arbeiten. Consensys ist entstanden, bevor Ethereum released wurde. Es gab noch kein Ökosystem. Also mussten wir Entwickler-Tools bauen, die Clients und eine Infrastruktur, um ein Ökosystem zu ermöglichen. Wir waren in der Lage, viele Projekte zu finanzieren, Inhouse-Projekte, oder Venture-Capital-finanzierte Projekte, die eigentlich außerhalb von Consensys stattfinden. Wir machen viele Dinge, aber wir sind nicht daran interessiert, das Ökosystem zu kontrollieren. Wir sind daran interessiert, das Ökosystem zu fördern.

t3n: Im Moment sind die großen Player in Ethereum Consensys, die Ethereum Foundation und ein paar Mining-Pools. Ist das nicht ziemlich zentralisiert für ein dezentrales Netzwerk?

Erwartest du, dass es schon völlig ausgereift ist, drei Jahre nach der Entstehung?

t3n: Wann glaubst du, wird sich das Netzwerk entwickelt haben?

Wir versuchen, da so schnell wie möglich hinzukommen. Wie lange hat denn die Web-Technologie gebraucht, um erwachsen zu werden, seit dem Tim Berners-Lee sie geschaffen hat? Ein Jahrzehnt.

t3n: Glaubst du, dass es auch mit Blockchain ein Jahrzehnt dauern wird?

Blockchain wächst exponentiell: Es gibt Hunderte Projekte, die schon jetzt praktisch für Menschen sind. Und sie werden Menschen ermöglichen, noch mehr Dinge zu bauen, die dann auch wieder praktisch sein werden. So wurde das Web entwickelt. Es wird wahrscheinlich etwas länger dauern, weil es viel komplizierter ist. Auch weil wir mit Themen wie digitalem Geld arbeiten, wird Blockchain die Gesellschaft mehr durchdringen als das Internet. Alles wird in einem Web3 vernetzt sein.

t3n: Manche der Consensys-Projekte, zum Beispiel Infura, bieten zentralisierte Schnittstellen für Blockchain an. Man kann über eine Infura-API mit Ethereum interagieren. Ist das nicht das Gegenteil von Dezentralisierung?

Infura hat als Projekt angefangen, um Inhouse-Consensys-Projekte zu ermöglichen. Man konnte damit Test-Netzwerke entwerfen, um schneller zu entwickeln. Das Infura-Team entschied sich, das auch für externe Projekte zu releasen. Und die Nachfrage steigt seitdem exponentiell. Also hat das Team versucht, die Arbeit von vielen anderen Teams in der Szene zu fördern. Wir arbeiten auch daran, Infura zu dezentralisieren. Wir wollen eigentlich nicht, dass all dieser Traffic über Infura läuft.

t3n: Consensys verdient gerade viel Geld mit Consulting und berät Staaten, Zentralbanken und andere Konzerne zum Thema Blockchain. Ist Consensys schon in den schwarzen Zahlen? Oder hängt Consensys noch von deinem persönlichen Ether-Vermögen ab?

Im Moment sind wir noch auf einem „Burn“ [negativer Chasflow]. Aber wir haben sehr beträchtlichen Umsatz. Wir haben viele Geschäftszweige, die Geld verdienen. Wir machen Sicherheitsaudits für Code. Wir machen Token-Launches für unsere eigenen Projekte oder für Dritte, da wird auch viel Geld gemacht.

t3n: Also ICO.

Wir nennen sie nicht ICO, wir nennen sie Token-Launches. Wir machen viel Consulting, rund um die Welt, das sind etliche Millionen Dollar, wir haben eine Akademie, wir machen viel Bildung. Wir haben ein Buchhaltungssystem, für das es eine Warteliste gibt. Wir haben uns dafür entschieden, zu wachsen, um mit der Nachfrage fertigzuwerden. Wie andere Firmen in der Geschichte sind wir zufrieden damit, jetzt noch keine Profite zu machen. Die Nachfrage ist unersättlich und sie wächst exponentiell. Und wenn wir nicht sehr schnell wachsen, wird es viele enttäuschte Teams in Consensys geben, und enttäuschte Kunden außerhalb von Consensys.

t3n: Sind die Schwankungen des Ether-Preises keine Gefahr für euer Geschäft? Wie lange könnte Consensys noch weitermachen, wenn der Ether-Preis auf zehn Dollar abrutscht?

Wenn der Preis auf zehn Dollar sinkt, würde das unser ganzes Modell infrage stellen.

t3n: Willst du, dass Ether eine richtige Währung wird?

Wir haben Ether als Treibstoff positioniert und wir wollen es hauptsächlich als den Token sehen, mit dem Programme laufen und mit dem Daten auf dem Netzwerk  gespeichert werden. Aber es ist auch günstiger und schneller, damit Werte zu transportieren. Es ist viel besseres Geld als Bitcoin. Ich gehe davon aus, dass es noch viel stärker als Geld genutzt werden wird.

t3n: Per Definition können nur 21 Millionen Bitcoin geschürft werden. Warum habt ihr die maximale Menge an Ether eigentlich nicht begrenzt?

Wir haben damit gerechnet, dass es sich bei ungefähr derselben Menge wie Bitcoin einpendelt. Aber es soll immer etwas neues Geld entstehen, weil auch jedes Jahr was verloren geht, wenn jemand seinen Zugang oder sein Passwort verliert.

t3n: China ist in Sachen Blockchain groß geworden. Wenn jetzt jemand in China ein benutzerfreundlicheres Ethereum bauen würde …

Es gibt viele Projekte, die sich das Ethereum Chinas nennen. Aber Neo beispielsweise läuft auf sieben Rechnern. Einer der Rechner ist vor ein paar Monaten umgefallen und das ganze Netzwerk war für ein paar Tage down. Außerdem hat Ethereum eine Menge Zugkraft in China.

t3n: Wie würde ein Web3 die Gesellschaft verändern?

Mehr Selbstbestimmung für Menschen, mehr Vertrauen in Transaktionen mit Menschen, die man nicht kennt. Weniger Intermediation, weniger große Finanzinstitute oder Musikunternehmen. Ride-Sharing-Dienste werden nicht mehr all den Wert aus ihren Ökosystemen heraussaugen. Service-, Content-, und Ressourcenanbieter werden direkt in der Lage sein, mit ihren Kunden zu arbeiten. Statt in großen Unternehmen werden kollektive, netzwerkbasierte Organisationen unsere Bedürfnisse befriedigen.

t3n: Ich habe mir ein paar der Firmen angeschaut, mit denen Consensys gerade Projekte macht: Citi, ING, Shell – nicht gerade „kollektive, netzwerkbasierte Organisationen“.

Wir arbeiten mit Unternehmen und Regierungen und Zentralbanken, damit sie Blockchain-Technologie verstehen. Wenn man es einmal gesehen hat, kann man es nicht wieder ungesehen machen. Es verändert die Art, wie man über die Systeme denkt, die man baut, um Menschen zu dienen.

t3n: Vielen Dank für das Gespräch!

Nach ungefähr 30 Minuten klappt Joe Lubin seinen Rechner wieder zusammen, zieht seine Jacke an und geht. Die Menschen um ihn herum nehmen immer noch keine Notiz von ihm. Wahrscheinlich ist er ganz froh darüber.

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Ein Kommentar
Ferdinand Does

Der Mann ist ein Visionär, aber selbst in der Techszene weitgehend unbekannt. Keiner Wunder also, dass ihn während des Interviews keiner erkannt hat. Er ist übrigens weiterhin in Ethereum engagiert. Vor Kurzem hat er zusammen mit Vitalik Buterin ca. eine halbe Million Euro für ein Ethereum Projekt gespendet.

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