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London ist live: Größtes Ethereum-Update der letzten Jahre ohne Störungen ins Mainnet integriert

Am 5. August um 14:33 Uhr MESZ ist das London-Upgrade des Ethereum-Netzwerks auf dem Mainnet live gegangen. Das Upgrade war vor allem wegen des seit über einem Jahr diskutierten Verbesserungsvorschlags EIP-1559 sehnlich erwartet worden. Dabei freut sich nicht jeder darüber.

6 Min. Lesezeit

Update stellt Ethereums Gas-Fees auf den Kopf. (Bild: AlekseyIvanov/Shutterstock)

Die Umsetzung des Ethereum Improvement Proposal (EIP) 1559 gilt als größtes und einflussreichstes Update der Blockchain in den letzten Jahren. Es soll das Ethereum-Netzwerk günstiger und schneller machen, indem es die Transaktionsgebühren neu strukturiert. Die Regelung wurde im Verlauf des All-Core-Developers-Call am 5. März 2021 zur Integration in das London-Update beschlossen.

Erste Installation in Test-Netzen seit dem 24. Juni

Am 24. Juni 2021 wurde EIP-1559 erfolgreich auf dem ersten Testnetzwerk namens Ropsten installiert. Probleme gab es dabei nicht. Danach erreichte das Update schrittweise bis Anfang Juli alle übrigen Testnetzwerke. Die Betreiber dieser Testnetze sollen nun genügend Zeit für schlussendliche Überprüfungen haben. Deshalb hatte Update-Koordinator Tim Beiko den ursprünglich für Ende Juli vorgesehenen Termin für das Mainnet-Update kurzfristig verschoben. Danach sollte die London-Hardfork am 4. August in das Mainnet integriert werden.

Dabei handelte es sich naturgemäß um eine Schätzung, denn eigentlich war nicht der 4. August 2021 ins Auge gefasst worden. Vielmehr sollte der Block 12.965.000 der Ethereum-Chain das Upgrade aufnehmen. Und wann der erreicht werden würde, lässt sich vor allem weit im Vorfeld nur schätzen. Ein Countdown-Timer auf Etherscan zeigte jeweils eine algorithmisch korrigierte Vorberechnung an.

Die zeigte am Nachmittag des 4. August an, dass das Upgrade am 5. August um 14:17 Uhr live gehen würde. Tatsächlich verschob sich der Zeitpunkt innerhalb nur eines Tages erneut um eine Viertelstunde nach hinten. Blocknutzung steht wie Google-Maps-Navigation unter dem Vorbehalt des Verkehrs. Ist der dichter oder weniger dicht als gedacht, verschieben sich die Endpunkte.

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14:33 Uhr: London ist live

14:33 Uhr MESZ machte sich dann beim Autor dieser Zeilen Etherscan per Klingelsignal bemerkbar. Block 12.965.000 war erreicht. Kurzes Warten, Etherscan läuft völlig normal weiter, London hat Ethereum nicht zerbrochen. Auch eine Livestream-Launch-Party auf Youtube zeigt sich zufrieden:

Update-Koordinator Tim Beiko sieht ebenfalls keine Probleme. Der Umstieg auf die EIP-1559 zeigt nach seinen Angaben, dass die neue Base-Fee sich in dem Gebührenbereich konsolidiert hat, wo vor dem Fork der Gas-Preis lag:

Am Vortag des Upgrades hatte der Ether zwischenzeitlich an der Marke von 2.800 US-Dollar gekratzt – ein Wert, der seit Anfang Juni nicht mehr erreicht worden war. Wale, also ETH-Großanleger, hatten im Verborgenen ihre Bestände allein in der vergangenen Woche um 1,65 Millionen Ether aufgestockt.

Die gravierendste Änderung: Einheitliche Gebühr statt Auktionsprinzip

EIP-1559 ändert ein grundlegendes Konzept des Ethereum-Netzwerks, nämlich jenes der sogenannten Gas-Fees. Bislang werden die Transaktionsgebühren im Netzwerk durch die Miner, die ebendiese Transaktionen ausführen, eigenverantwortlich festgesetzt.

Künftig gibt es stattdessen eine algorithmisch festgelegte Base-Fee. Das ist eine Basisgebühr, die nicht für jede Transaktion neu verauktioniert werden muss. Das Prinzip der Gas-Fees haben wir in diesem Beitrag erläutert.

Die errechnete Base-Fee soll dabei den Grad der Auslastung des Netzwerks berücksichtigen und sich schrittweise erhöhen oder verringern. Ebenso soll die Blockgröße im Netzwerk dynamisch verändert werden, um Verstopfungen entgegenzuwirken.

Die so festgelegte Base-Fee wird im Zuge der Transaktion verbrannt, also vom Protokoll vernichtet. Niemand profitiert von diesen Zahlungen, die durch die neue Regelung stets auf Ether festgelegt bleiben.

Miner erhalten „Tips“

Damit ist verständlich, dass sich weite Teile der Miner-Community nicht mit dem Vorschlag anfreunden konnten, weil ihnen damit ein ganz wesentlicher finanzieller Anreiz verloren geht. Der EIP-1559 beinhaltet aber immer noch ein Anreizsystem, den sogenannten Tip oder Inclusion-Fee.

Nutzer können künftig zusätzlich zur Base-Fee eine Überschusszahlung, eben den Tip, anbieten, um die Verarbeitung auf der Chain zu priorisieren. Nur diese Tips erhalten die Miner.

Damit dürften sie bei Weitem nicht auf ihre bisherigen Umsätze kommen. Die hatten allein im Februar 2021 und allein bei Transaktionsgebühren bei rund 723 Millionen US-Dollar gelegen.

Dennoch gibt es auch Miner, die dem Vorschlag positiv gegenüberstehen. Sie sehen die aktuellen Probleme des Ethereum-Netzwerks recht nüchtern und erkennen an, dass sie zur Lösung beitragen müssen, um das Netzwerk zukunftssicher zu halten.

Ethereum-Fachleute gehen ohnehin davon aus, dass sich bei anhaltendem Erfolg der Ethereum-Blockchain das Problem weg von den Gas-Fees hin zu den Tips verlagern wird. Nach dieser Erwartung würden Miner schlicht jene bevorzugt behandeln, die die höchsten Tips, statt – wie bisher – die höchsten Gas-Fees zu zahlen bereit sind.

EIP-1559 wird weithin als Kurstreiber gesehen

Auf der Seite der Nutzer und der Ethereum-Applikationsentwickler, also der Seite, die die Transaktionsgebühren bezahlen muss, erfreut sich EIP-1559 größter Unterstützung. Der weltgrößte Krypto-Verwalter Grayscale Investments sieht im Vorschlag eine essenziell wichtige Fortentwicklung des Ethereum-Netzwerks.

Vor allem wegen des Konzepts des Verbrennens der Transaktionsgebühren und der damit verbundenen Verknappung des Ether-Bestands hatte Grayscale einen starken Aufwärtstrend für den Ether-Kurs vorausgesagt. Ob sich diese Prognose trotz der massiven Korrekturen der letzten Monate als richtig erweisen wird, bleibt abzuwarten, wird aber von verschiedenen Experten angenommen.

So prognostiziert Analyst Evan Van Ness von „This Week in Ethereum“ seinen 38.900 Twitter-Followern, dass EIP-1559 „sehr wahrscheinlich zu einer negativen Emission führen wird, die wahrscheinlich einen erheblichen Aufwärtsdruck auf den Fiat-Preis von ETH ausüben wird“.

Auch den Minern werde das Update helfen, ist Van Ness überzeugt. Die würden nämlich vom Kundensupport befreit, wenn die Abrechnung der Gas-Fees nicht mehr bei ihnen liege. Alles, was Nutzer tun müssten, sei die Base-Fee zu zahlen. Der Prozess sei im Vergleich zur bisherigen Vorgehensweise stark abstrahiert.

Weiterhin werde EIP-1559 deutliche Anreize für die Einführung von Layer-2-Ansätzen oder (besser noch) ganzer Sidechains schaffen. Denn bislang sei das Bezahlen der Miner ohne Effekt auf die Gas-Fee möglich. Künftig führe jede Aktion dazu, dass die Hälfte der Base-Fee verbrannt würde. Daran könnten Miner kein Interesse haben.

Der prominente Krypto-Analyst Nicholas Merten hatte am Vortag des Upgrades eine Kursexplosion des Ether für die Zeit nach London vorhergesagt. Das führte er zwar zum Teil auf EIP-1559 zurück, eindeutiger erschienen ihm dabei jedoch Ähnlichkeiten im Kursverlauf zum Frühjahr 2017, als Ethereum einen Ausbruch auf rund 19 Prozent Marktdominanz hingelegt hatte. Merten sieht 32 Prozent Marktdominanz nach London für wahrscheinlich.

Mining wird schrittweise erschwert

Was tun die Miner? Immerhin hatte sich das Ethereum-Team nicht um den Widerstand der Miner und Mining-Pools gekümmert und EIP-1559 letztlich verbindlich vereinbart. Schon mit dem Beschluss hatten die Core-Entwickler deshalb Gegenmaßnahmen der opponierenden Miner befürchtet, weshalb sie EIP-3238 ebenfalls zur Inklusion in das kommende Update aufgenommen haben.

Dabei handelt es sich um die technische Implementation einer Difficulty-Bomb. Die soll das Mining auf Ethereum schrittweise erschweren. Außerdem handelt es sich dabei um einen frühen Schritt in die Richtung eines Einfrierens des Proof-of-Work-Verfahren in Vorbereitung auf einen Wechsel auf Proof-of-Stake.

Mit der Kombination der beiden Vorschläge wollen die Core-Entwickler auch erreichen, dass ein Forking von Ethereum zumindest nur unter Überwindung technischer Hindernisse möglich ist. Tatsächlich hatten Miner unmittelbar im Nachgang zu dem Beschluss eine sogenannte 51-Prozent-Attacke angedroht. Dabei handelt es sich um den Versuch einer konzertiert agierenden Einheit, die Kontrolle über die Blockchain zu übernehmen.

Im Gegenzug hatte Ethereum-Mastermind Vitalik Buterin gleichsam damit gedroht, den Versionswechsel auf Ethereum 2.0 vorzuziehen, der das Konsensmodell von Proof-of-Work auf Proof-of-Stake umzustellen. Das würde Minern die Grundlage entziehen. Inzwischen ist Buterin diesbezüglich wieder ruhiger geworden. Zuletzt hatte er eingeräumt, dass das Versions-Update durchaus noch einige Jahre in der Zukunft liegen könnte.

MEV kann Minern Umsatzausfall teilweise kompensieren

Wie es scheint, werden sich Miner mit der neuen Regelung wohl letztlich anfreunden. Ein Ersatz für entgangene Transaktionen (neben den Tips) steht ohnehin bereits bereit. Mit dem sogenannten „Miner Extracted Value“ (MEV) können Miner ihren Einfluss bei der Zusammenstellung von Blöcken nutzen, um profitablere Trades weiter vorn in der Verarbeitungsreihenfolge zu platzieren.

Im Defi-Bereich erfreut sich MEV bereits einiger Beliebtheit. Defi-Trader bieten dabei die Gebühren hoch, um sich ihren Platz im Block zu sichern. Ethereum-Mining-Pools werden wohl künftig verstärkt MEV-Software einsetzen, um diese bislang ungenutzte Einnahmequelle zu erschließen.

Übrigens: Die Grundidee des EIP-1559 geht auf Vitalik Buterin, Mitgründer und Erfinder von Ethereum, zurück. Der hatte im August 2018 einen Vorschlag (PDF) formuliert, der die gerechtere und dem tatsächlichen Aufwand eher entsprechende Berechnung von Transaktionsgebühren auf der Blockchain betrifft.

Der Beitrag ist zuerst am 7. März 2021 erschienen und wurde zuletzt am 5. August 2021 aktualisiert.

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2 Kommentare
Jay Way
Jay Way

Netter Artikel, vor allem der (kurze) Abschnitt über MEV, da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht. Dennoch zwei Anmerkungen:

1. Der (Aus Investoren Sicht) wichtigste Punkt wurde nur sehr knapp angesprochen, und zwar, dass Ether durch dieses Update eine geringere Inflation erreicht, je nach Nutzung sogar deflationär werden kann. Wird nämlich mehr Ether durch die Basefee verbrannt als durch die Block Rewards erzeugt wird sinkt die Gesamtzahl an Ether, d.h. bei gleicher Nachfrage steigt der Preis, da das Angebot sinkt.
Da das Netzwerk zurzeit am Limit ist, und dadurch die Gebühren hoch sind (vorrausgesetzt die Nutzung nimmt nicht dramatisch ab) wird voraussichtlich viel mehr Ether verbrannt als neu erzeugt, solange bis mit dem Upgrade auf Ethereum 2.0 die Gebühren insgesamt sinken. Mit ETH 2.0 ist die geplante Inflation bei 0-2% (Je nach Anzahl des gestakten Ethers), und kann auch dann, bei hohem Netzwerkdurchsatz, negativ werden.

2. Die verlinkte PDF im letzten Abschnitt ist kaputt, da sie auf eine lokale Datei verweist :)

Antworten
Dieter Petereit

Danke für den Tipp 2. Das habe ich direkt korrigiert. Die Infos unter 1 habe ich absichtlich nicht aufgenommen, um das komplexe Thema nicht noch komplexer zu machen. Aber recht hast du natürlich.

Antworten

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