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Kolumne

Genosse Jeff Bezos: Wie viel Planwirtschaft steckt in der Plattformökonomie?

Jeff Bezos seen on day two of Summit LA17 in Downtown Los Angeles's Historic Broadway Theater District on Saturday, Nov. 4, 2017, in Los Angeles. (Photo by Amy Harris/Invision/AP) |

Führt Amazon in eine kapitalistische Planwirtschaft? Droht dank Cloud-Computing gar eine neue Diktatur? Einige Vordenker der Digitalisierung sind alarmiert – die Blockchain-Technologie könnte ein Gegenmittel bereithalten. Die Neuland-Kolumne.

Den Systemwettlauf Kapitalismus gegen Sozialismus hat der Kapitalismus klar gewonnen: Die dezentrale Marktwirtschaft funktionierte einfach besser, weil effizienter, als das Gegenmodell der zentralen sozialistischen Planwirtschaft. Selbst Arbeitslosen im Westen Deutschlands ging es materiell oft besser als einfachen Arbeitern in der DDR.

Im Wesentlichen waren dafür zwei Faktoren verantwortlich: In sozialistischen Planwirtschaften fehlte häufig der Anreiz, produktiv und kreativ zu sein. Die Gehälter waren zu gleich – und Posten wurden eher nach Parteizugehörigkeit und Linientreue vergeben als nach Leistung. Außerdem war das dezentrale System der Marktwirtschaft effizienter bei der Übermittlung von Informationen, insbesondere Preisinformationen: Statt einem auf Jahre festgelegten Plan zu folgen, konnten sich die dezentral organisierten Produzenten auf die jeweilige Nachfrage einstellen, die Preise anpassen und mehr von dem produzieren, was am Markt wirklich nachgefragt wurde.

Dezentral organisierte Märkte waren dem Ansatz der zentral organisierten Planwirtschaft – von liberalen Ökonomen auch verächtlich Zentralkommandowirtschaft genannt – deutlich überlegen. Die dezentrale Organisation schien sich gegenüber der zentralen Planung historisch durchgesetzt zu haben.

Als zum Ende der 1990er-Jahre das Internet zum Massenmedium wurde, wirkte das wie ein Ausrufezeichen hinter dieser Entwicklung: Das Internet wurde von einigen Ökonomen als das hypereffiziente, dezentrale Informationsleitsystem für die dezentrale Marktwirtschaft gesehen. Es rückte das alte, ideale Leitbild des homo oeconomicus mit perfekten Informationen über den Markt dank vollständiger Transparenz über Waren und Preise in greifbare Nähe. Im Cluetrain-Manifest feierten die liberalen Vordenker des Silicon Valleys im Jahr 1999 den neuen Geist in 95 Thesen: „Märkte sind Gespräche“ heißt es dort, „Hyperlinks untergraben Hierarchien“ und: „Es gibt keine Geheimnisse mehr. Die vernetzten Märkte wissen über die Produkte der Unternehmen mehr, als die Unternehmen selbst. Ob die Nachricht gut oder schlecht ist, sie wird weitergegeben.“

„Die Kosten soweit wie möglich zu senken klingt gut, bis dir bewusst wird, dass einer dieser Kostenfaktoren Arbeit ist. Einer dieser Kostenfaktoren bist du“

In dieser radikalliberalen Traum-Version einer Ökonomie werden Unternehmen zunehmend überflüssig – Menschen regeln alles untereinander, schließen sich für Projekte zusammen und verhandeln als freie Individuen Verträge. Die Transaktionskosten von Informationen sinken gegen null. Hierarchien, Unternehmen – am Ende vielleicht sogar Staaten – werden überflüssig.

20 Jahre nach der Internet-Revolution ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von dem passiert, was die frühen Apologeten des Internets sich erhofften: Das Internet wurde in einer GAFA-Ökonomie zentralisiert, mit Google, Amazon, Facebook und Apple beherrschen vier Konzerne das Netz.

Statt Märkten ist ein Marktplatz entstanden: Amazon

Statt Märkten ist in erster Linie ein großer Marktplatz namens Amazon entstanden, mit einer zentralen Instanz, die Preise und Bedingungen diktiert. Statt einer dezentralen Infrastruktur übernehmen zunehmend bei wenigen Unternehmen konzentrierte Cloud-Computing-Farmen die Rolle des Rückgrats des Internets. Über Google AMP wird ein großer Teil des mobilen Internets – inzwischen die deutliche Mehrheit der Aufrufe – direkt über Google-Server aufgerufen. Die private Kommunikation der meisten Nutzer läuft über die zentralen Plattformen von Facebook – neben dem sozialen Netzwerk auch Whatsapp und Instagram.

Der junge Autor Malcolm Harris („Kids These Days: Human Capital and the Making of Millennials“) sieht in Amazon bereits die kapitalistische Version der zentralen Planwirtschaft umgesetzt: „Von Amazon als Marktteilnehmer zu sprechen ist schon falsch. Das weltgrößte Kaufhaus nutzt keine Preisempfehlungen, es setzt eigene“, schreibt er in einem Essay auf Medium. Das oberste Ziel von Amazon sei dabei Effizienz, um immer billiger zu arbeiten und somit die Marktdurchdringung immer weiter zu erhöhen. „Die Kosten soweit wie möglich zu senken klingt gut, bis dir bewusst wird, dass einer dieser Kostenfaktoren Arbeit ist. Einer dieser Kostenfaktoren bist du“, schreibt Harris.

Auch der israelische Historiker und Bestseller-Autor Yuval Noah Harari („Eine kurze Geschichte der Menschheit“ und„Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen“) sieht das Streben nach Zentralisierung und Effizienz des Silicon-Valley-Kapitalismus kritisch. In seiner Rede vor dem Weltwirtschaftsforum „Will the future be human?“ beschreibt er Effizienz als das Paradigma des digitalen Zeitalters.

Diktatur und Demokratie sind für ihn nicht nur verschiedene Ideologien, sondern können auch als zwei gegensätzliche Arten der Datenverarbeitung gesehen werden. Im 20. Jahrhundert hatten sich dezentrale Methoden der Entscheidungsfindung als effizienter überwiegend durchgesetzt: Märkte statt Planwirtschaft und Demokratie statt Diktatur. Unter den Bedingungen des Cloud-Computings und des Machine Learnings – also die Analyse massiver Daten in zentralisierten Rechenzentren in der Hand weniger Konzerne – könnte sich im 21. Jahrhundert die zentrale Entscheidungsfindung als die effizientere erweisen, fürchtet er.

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