Analyse

Coronavirus: Social Media 1 – Politik 0

200.000 Likes fürs Händewaschen: Die WHO ist auf Tiktok plötzlich Gesundheitsinfluencer. (Screenshot: t3n)

Soziale Medien haben einen miesen Ruf in Sachen Information. Ausgerechnet in der Coronakrise schlagen sich Facebook, Instagram und Tiktok aber überraschend gut. 

Wirklich klar, wie ernst die Lage ist, wurde mir erst auf Twitter.

Es war der 9. März und in Berlin ging noch alles seinen mehr oder weniger gewohnten Gang. Man war besorgt, aber nicht übermäßig. Große Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Personen sollten abgesagt werden. Dieter Nuhr fand das blöd. Gesundheitsminister Spahn sagte in einer Pressekonferenz „Es ist, aus meiner Sicht jedenfalls, sicher leichter, auf ein Konzert, einen Clubbesuch, ein Fußballspiel zu verzichten als auf den täglichen Weg zu Arbeit.“ Corona war der Tagesschau fünf Minuten wert: Horst Heldt vom 1. FC Köln wünschte sich im Beitrag eine klare Ansage, ob man nun noch Fußballspiele mit Publikum abhalten könne oder nicht. Die Behörden prüften. Die Wirtschaft sei gegen die Folgen des Coronavirus gut gerüstet, sagte Merkel.

Auch international war der Ton eher noch beruhigend: „Die Krankheit ist nicht besonders tödlich; Gesundheitsbehörden ordnen sie etwa bei einer schweren saisonalen Grippe ein. (…) Die Grippe ist jedes Jahr eine Pandemie und die Welt dreht sich weiter“, hatte vor ein paar Tagen noch die New York Times in einem Newsletter  geschrieben.

Social Media 1 – Nachrichten 0

Twitter war da schon einen Schritt weiter. Dort ging gerade der Thread der italienischen Epidemiologin Silvia Stringhini viral: „Die Medien in Europa beruhigen, Politiker beruhigen, obwohl es wenig Beruhigendes gibt“, schrieb Stringhini. In ihren Tweets beschrieb sie die Lage anhand eines Krankenhauses in Bergamo, das plötzlich randvoll mit Patienten war: „Erklär mir, welcher Grippe-Erreger so ein plötzliches Drama verursacht“, schrieb Stringhini.

Und erst auf Twitter brach sich langsam die Erkenntnis Bahn, dass das Italien von heute das Deutschland von morgen sein kann – über das Excel-Sheet eines Berliner Politikwissenschaftlers.

Wenn es tatsächlich ernst wird, Menschen Angst haben und verunsichert sind, sind Facebook, Twitter, Instagram und Youtube normalerweise die letzten Orte, die man ihnen empfehlen würde. Zu oft geht dort nur die Angst selbst viral, gemischt mit Halbwahrheiten von wem auch immer die Krise gerade ausnutzen will.

Vielleicht war die Angst und Verunsicherung nie größer als in den Wochen, in denen das Coronavirus Sars-CoV-2 sich in der Welt ausbreitete. Ausgerechnet bei Corona aber – einer Krise wie gemacht für virale Kampagnen und Fake News – schlagen sich die sozialen Netzwerke erstaunlich gut. Seit Langem hat man wieder das Gefühl, sie arbeiten für die Nutzer, nicht gegen sie.

Plötzlich scheinen Twitter, Facebook, Youtube und Co. wieder das Versprechen einzulösen, das ihnen über Jahre niemand mehr abgenommen hat: eine Demokratisierung von Nachrichten; subjektive, aber relevante und authentische Eindrücke von Mensch zu Mensch. Die Coronakrise ist seit Langem wieder eine Erfolgsgeschichte von Social Media und deren gesellschaftlichem Einfluss.

Twitter: #FlatteningTheCurve

Tatsächlich gab es – zumindest in meiner Filterblase – einen Moment, in dem die Schreckensnachrichten von Krankenhäusern in Italien und die eher beruhigenden Nachrichten der klassischen Medien sich direkt widersprachen. Bis die Mikrobiologin Siouxie Wiles aus Neuseeland den Widerspruch grafisch auflöste – auf Twitter: Das Hashtag #FlattenTheCurve machte die Runde und erklärte, dass der Verlauf der Krise davon abhängt, wie entschieden wir jetzt handeln.

Facebook: Glaubhafter als Trump

Aber nicht nur Twitter hat in der Coronakrise einen Lauf. 2016 noch hatten Fake News und politischer Spin auf Facebook Donald Trump in das mächtigste Amt der Welt geholfen. 2020 scheint zumindest Facebook aus seinen Fehlern gelernt zu haben: Laut dem Social-Media-Seismographen Newswhip dominieren in Zeiten von Corona vor allem solide Nachrichten, Medizinexperten und singende ItalienerInnen die Timelines. Einem Times-Reporter sagte ein Newswhip-Experte „Es gibt weniger Fälschungen in diesen Tagen und eher fehlender Kontext oder leicht missverständliche Aussagen.“ Facebooks Chef Mark Zuckerberg selbst erklärte dem Reporter Ben Smith, dass die Qualität von medizinischen Aussagen eben leichter zu prüfen sei als die Qualität von politischen Aussagen: „Es ist leichter, Regeln aufzustellen, die etwas mehr Schwarz-Weiß sind“, sagte Zuckerberg.

Natürlich sind auch Twitter und Facebook dabei nicht frei von falschen Nachrichten: Neben den vom Balkon singenden ItalienerInnen gingen dort auch Videos rum, die suggerierten, Menschen mit bestimmten Hautfarben seien immun gegen das Coronavirus. Das stimmt natürlich nicht.

Instagram: WHO-Link in Bio

Tatsächlich haben es die großen Netzwerke auch schnell geschafft, zu verlinken, wo sie selbst nicht weiter wissen: Noch über dem ersten Post in meinem Feed hat Instagram einen Link zum Gesundheitsministerium platziert. Auch Tiktok schlägt bei der Suche nach Corona als erstes das Gesundheitsministerium vor, gefolgt von der #SafeHands-Challenge der WHO. Daneben sagt der Generaldirektor der WHO: „Wir haben eine einfache Nachricht für alle Länder: testen, testen, testen.“ Reichweite wird bei Tiktok noch mehr von Hand gesteuert als bei anderen sozialen Netzwerken. Gut möglich, dass die Moderatoren auch bei den Videos der WHO nachgeholfen haben. Auf der quirligen Plattform wären 200.000 Likes für die eher trockenen WHO-Videos sonst mindestens ungewöhnlich. (Tiktok hat auf eine entsprechende Anfrage von t3n bis zur Veröffentlichung nicht reagiert.) In der Facebook-Suche rankt das amerikanische Gesundheitsministerium immerhin auf Platz zwei – direkt unter dem Bier Corona.

Im Instagram-Feed führt der erste Link zur Seite des Gesundheitsministeriums. (Screenshot: t3n)

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Wikipedia: Wissenschaft als Quelle

Auch die ohnehin schon gewissenhafte Wikipedia-Community ist bei dem Coronavirus noch einmal gewissenhafter: Alle medizinischen Beiträge, die mit Sars-CoV-2 zu tun haben, werden dort als Wikiproject Medicine markiert. Die Beiträge werden hauptsächlich von Experten geschrieben und bearbeitet, als Quellen reichen nicht mehr nur Zeitungsartikel, es müssen wissenschaftliche Studien sein.

Nebenan.de: Plötzlich Nachbarschaftshilfe

In der Coronakrise wächst auch das Nachbarschafts-Netzwerk Nebenan.de über sich hinaus. Ging es dort bis vor kurzem (zumindest in Berlin) um alte Möbel und Stellplätze für Bienenstöcke, handeln dort die Posts plötzlich von nachbarschaftlicher Hilfe: Nachbarn gehen füreinander einkaufen. Und um die älteren Nachbarn zu erreichen, hat Nebenan.de sogar einen Vordruck parat, den man ausfüllen und ins Treppenhaus hängen kann. Eltern, die im Gesundheitssektor arbeiten, können dort auch (laut der letzten Mail von Nebenan.de) nach Betreuung für ihre Kinder suchen.

Messenger: Die „Mama von Poldi“

Problematisch bleiben dabei aber all die Kanäle, auf die die Moderatoren der Netzwerke keinen Zugriff haben. So sagt in einer Whatsapp-Sprachnachricht „Elisabeth, die Mama von Poldi“, dass Ibuprofen „die Vermehrung des Virus beschleunigt“.

Bisher ist zwar nicht klar, ob es „Elisabeth, die Mama von Poldi“, überhaupt gibt. Eine Fachdiskussion zum Thema Ibuprofen und Corona gibt es allerdings schon: Im Fachmagazin The Lancet erschien Mittwoch vergangener Woche ein Debattenbeitrag zum Thema Ibuprofen und Coronavirus. Am Wochenende warnte auch der französische Gesundheitsminister Olivier Véran via Twitter vor der Einnahme von Ibuprofen. Seit Dienstag rät auch die WHO, bei Verdacht auf das Coronavirus kein Ibuprofen mehr zu nehmen. Allerdings wird erst eine medizinische Studie zeigen, ob „Elisabeth, die Mama von Poldi“, auf Whatsapp recht behalten wird.

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Ein Kommentar
juri.sinitson
juri.sinitson

Beweist Corona die Notwendigkeit öffentlich-rechtlicher Medien?
https://netzpolitik.org/2020/beweist-corona-die-notwendigkeit-oeffentlich-rechtlicher-medien/

Antworten

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